Mittwoch, 11. Juli 2007

Herbert Pfeiffer: Oh Cello voll Echo


Pfeiffer, Herbert: Oh Cello voll Echo.
Palindrom-Gedichte

Insel-Verlag 1992, 111 Seiten
ISBN 3-458-16135-6


Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Gedichte, Komposite aus Einzeilern, Kurzprosa, Formspiele
Empfehlung: als Einstieg und zur Vertiefung für alle Leser
Wertung:

Oskar Pastior: Kopfnuß Januskopf


Pastior, Oskar: Kopfnuß Januskopf.
Gedichte in Palindromen

Carl Hanser Verlag 1990, 161 Seiten
ISBN 3-446-15905-3




Kategorie: phonetische Silben- und Wörterpalindrome
Art: Gedichtblöcke, Komposite aus Einzeilern
Empfehlung: für Liebhaber experimenteller Lyrik
Wertung:




Über Oskar Pastior (1927 - 2006):

Eberhard Krauß: Rätsel, Palindrome, Schüttelreime


Krauß, Eberhard: Rätsel, Palindrome, Schüttelreime
Eigenverlag 1985, 144 Seiten








Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Ein- und Mehrzeiler
Empfehlung: für Liebhaber und Sammler
Wertung: Rarität (Auflage vergriffen)


"Vor etlichen Jahrzehnten" schreibt der Autor hier in der Einleitung des Palindromkapitels, "las ich in einem Aufsatz über Sprach-Eigentümlichkeiten, daß ein gutes Palindrom höchstens alle 50 Jahre gefunden werde. Als Ruheständler versuche ich nun mit mehr oder weniger Erfolg, diese Zeitspanne zu verkürzen."

Das ist ihm mit seinem liebenswürdig gestalteten Buch ohne Frage gelungen. Es enthält mehrere Dutzend von ihm verfasster Palindromsätze, unter denen sich Perlen wie diese befinden: "Lese nie Feldnahrung, nur handle fein, Esel." (S. 72) oder "Pur ist Saft fast Sirup." (S.76). Wer sich darüber hinaus noch für Rätsel und Schüttelreime interessiert, ist hiermit bestens versorgt.

Gerhard Grümmer: Palindrome


Grümmer, Gerhard: Palindrome
Warnow-Verlag Rostock 1990, 111 Seiten
ISBN 3-86165-005-3






Kategorie: Buchstaben-, Satz- und Zahlenpalindrome
Art: kommentierte Sammlung, Wort- und Satzschöpfungen
Empfehlung: für Liebhaber und Sammler
Wertung: Rarität (Auflage vergriffen)

Hansgeorg Stengel: Annasusanna


Stengel, Hansgeorg: Annasusanna.
Ein Pendelbuch für Links- und Rechtsleser

Eulenspiegel Verlag 2004, 107 Seiten
ISBN 3-359-01484-7



Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: kommentierte und illustrierte Sammlung
Empfehlung: als Einstieg für alle Leser
Wertung:





1984 erstmalig im Eulenspiegel Verlag erschienen, ist Annasusanna das wohl bekannteste Palindrombuch Deutschlands. Weitere Auflagen: 1986, 1989, 1995 und 2004 (hier abgebildet). Seinem Namen als Pendelbuch macht es dabei auch in besonderer Hinsicht Ehre: der Nachsatz des Titels wechselte von "für Rechts- und Linksleser" (1984) zu "für Links- und Rechtsleser" (2004).

Über Hansgeorg Stengel (1922 - 2003):

Ada Fischer: Mord in Palindrom


Fischer, Ada: Mord in Palindrom
Amöben-Presse o.J. [ca. 1970], 34 Blätter
mit sechs Grafiken von Horst Pitzen und
einem Vorwort von Eugen Gromringer





Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Wort- und Satzschöpfungen
Empfehlung: für Liebhaber experimenteller Lyrik
Wertung: Rarität (Auflage nahezu vergriffen)


"Wer Dromedare ohne Mordgedanken sehen kann, kann glücklich sein, denn er ist kein Spiegelwortsucher. Ich aber schleiche mich von hinten an diese kamelhaarfarbenen Geschöpfe an und sehe : gerade mord

DROMEDARE g ERADEMORD

Durch dieses Orienttier habe ich Sie nun schon etwas orientiert - ins Spiegelbild gesetzt." schreibt Ada Fischer im Nachwort. In ihren Palindromtexten mischt sich solch bedachtsames Anpirschen

flehe behelf
not ton
egal plage
ein trostort nie
eine freude duerfe nie
nie mein amora aroma nie mein
nun
adresse siam maisesser da
rundnur
klovolk
(aus "reiznunedenunzier")


mit tänzelnden, lautmalerischen Elementen:

hallohollah
zopfpoz
tütüt
hangnah
allotrihirtolla
tüdelit tiledüt
sapserelot tolerespas
faschingnischaf
ppotztopp
hulloholluh
(aus "alkoholohokla")

Eine bemerkenswerte Kombination, bedenkt man, dass der Spiegelsprache an sich jede Form von Impulsivität fremd ist. In ihrem zeitlupenhaften Buchstabieren verfliegt alles Leichtfertige: gibt es kein Dahersagen, nichts Unüberlegtes. Wie in den ordnenden Händen eines Schriftsetzers fügt sich alles erst nach und nach zum fertigen Gebilde. Ada Fischer gelingt hier das Kunststück, diese Gesetztheit der Palindrome für Augenblicke vergessen zu machen.

Über Ada Fischer (1909 - 1994):
  • geb. Lueg, ist die Mutter des Malers und Galeristen Konrad Fischer (1939 - 1996)
  • Brigitte Kölle schreibt in ihrer Doktorarbeit über dessen Leben und Werk:
    "Ada Fischer, deren Mädchennamen "Lueg" Konrad Fischer später als seinen Künstlernamen verwendet, ist bei der Geburt ihres Sohnes 30 Jahre alt. Sie stammt aus einer großbürgerlichen und angesehenen Familie, in der sowohl ihr Vater (Paul), als auch ihr Großvater (Carl) und Urgroßvater (Wilhelm) als Direktoren der Gutehoffnungshütte in Oberhausen tätig waren. Die heutige "Lueg-Allee" und der "Lueg- Platz" in Düsseldorf-Oberkassel sind nach Heinrich Lueg, einem Großonkel von Ada, benannt. Er war ein Düsseldorfer Stadtverordneter, der den Bau der Oberkasseler Brücke betreute und die Rhein-Bahn mitbegründete. Nach einem Studium an einer Kunstgewerbeschule führt die Mutter Ada den Haushalt der Familie. Sie liest viel, beispielsweise Werke von Arno Schmidt, sie löst Kreuzworträtsel, und schreibt selbst: Geschichten, Gedichte, und (zu allen Gelegenheiten) Palindrome. Sie ist eine humor- und temperamentvolle Frau, offen und künstlerisch interessiert."1
Außer den Palindromen blieb der Nachwelt nichts von Ada Fischer überliefert. Besonderer Dank gebührt daher Michael Weisser, dem Gründer der Amöben-Presse, dessen Erinnerungen halfen, nach fast 40 Jahren auch den Mensch hinter den Worten wiederzuentdecken.

__________________
1 in Brigitte Kölle: Die Kunst des Ausstellens. Untersuchungen zum Werk des Künstlers und Kunstvermittlers Konrad Lueg / Fischer (1939-1996), S. 18 - Doktorarbeit, 2005, Uni Hildesheim (hier als PDF-Dokument 3,7 MB)

Reinhold Koehler: Contratexte


Koehler, Reinhold: Ein Regel Leger nie.
Contra Texte in X Lektionen.
Druck in rot und schwarz; und 1

Edition Boczkowski 1969, 12 Blätter





Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Wortschöpfungen, gespiegelt
Empfehlung: für Kunstliebhaber
Wertung: Rarität (Auflage nahezu vergriffen)


Einen kleinen Einblick in dieses nur noch selten erhältliche Buch ermöglicht die Kunstkammer Bartenstein, die 2001 einen Auszug daraus in "Bestandsaufnahme als work in progress" veröffentlichte:
NIE - EIN
LESE ESEL - LESE ESEL
LIES LEIS - SIEL SEIL
ANREDE REDE - EDE RED ERNA
SAG RAPS - SPAR GAS
IMI - IMI
ATA - ATA
ELLA NUN - NUN ALLE
ADEBAR - RABE DA
EMMA - AMME
EMMI - IMME
SEIM - MIES
DREH - HERD
TRÄG - GÄRT
MOOR - ROOM
ABHUB - BUH BA
EHE WEHE - EHE WEHE
TOR TUT TAT - TAT TUT ROT
EI LAPPALIE - EI LAPPALIE
ADELE LEDA - ADELE LEDA
LINUS - SUNIL
LARA - ARAL
LAVER - REVAL
LIGA - AGIL
NEGATIV - VITA GEN


weitere Publikationen der Contratexte:
- 1988 Koehler, Reinhold: Contratexte. Mit einem Nachwort von Karl Riha
- 1990 Koehler, Reinhold: Regenerativ. Vergessene Autoren der Moderne XXVI
- 2009 Koehler, Reinhold: Gedichte & Contratexte

Über Reinhold Koehler (1919 - 1970):

Samstag, 7. Juli 2007

Jahresniederschlag

Es war vor genau einem Jahr: Freitag, der 7. Juli 2006, als in diesem Blog der erste Artikel erschien. Es ging um die Frage, welche unserer Wochentage eigentlich palindrom sein könnten. Da machte der Freitag den Anfang. Was ich damals nicht wusste: ich hatte mir unbewusst das leichteste aller bislang "verdichteten" Wörter herausgegriffen ;) Was danach folgte, war also nicht nur gefühlter Hürdenlauf - der Freitag ist dabei tatsächlich das einzige Wort, das im palindromen Drehzahlbereich auf Hochtouren läuft*:
Dennoch gelang es innerhalb einer Woche, diese Passage zu bewältigen - auch wenn sich dabei zwei Hindernisse als unüberwindbar entpuppten: Mittwoch und Sonntag. Wäre seinerzeit ersichtlich gewesen, dass sich die daran anschließenden Monatsnamen durchgehend auf dem selben Level bewegen würden - wer weiß, ob ich mich dann überhaupt noch dem "Wortverdrehungs-Zwölfkampf" gestellt hätte ;) Denn es scheint aussichtslos:
Alle Monate bleiben in ihrer Palindromität weit hinter dem zurück, was man als brauchbar oder ideal bezeichnen könnte. Es waren echte Herausforderungen. So lässt sich mit dem jetzt geschaffenen Algorithmus also auch die Frage beantworten, welche der beiden Gedichtserien "heroischer" war: es ist ganz klar ... der Monatszyklus ;) Sicher, das Ringen um Worte gehört für einen Autor zum täglich Brot und es scheint müßig, ihre Gewichtsklasse abschätzen zu wollen, weil man sich ja doch an sie herantrauen muss - aber weil Palindrome eben nicht kampflos das Feld räumen, bleibt im Hinterkopf immer die Frage nach Muskelkater und blauen Flecken. Das sagt einem niemand: die Kunst erfordert es manchmal auch, eine ordentliche Tracht Wortprügel einstecken zu können ;) Die Bilanz nach einem Jahr: viel Aua und ein schwarzer Gürtel.

_____________
*
Zum Vergleich einige bekannte Palindromsätze:
O Genie: der Herr ehre dein Ego!" P = 191
"Die Liebe ist Sieger, rege ist sie bei Leid." P = 258

Sonntag, 1. Juli 2007

Pimp my word: Juli

Ähnlich wie der Vormonat lässt sich auch der Juli nur auf recht abenteuerlichem Wege verwursten. iluJ - das ist im Deutschen unlösbar. Bleiben wir in der Gegenwart und Europa, fände man nur in Frankreich eine Entsprechung dazu: Le Poilu ("der Behaarte") ist dort wohl der umgangssprachliche Ausdruck für einen normalen Soldaten. Das ergäbe als palindromes Joint-Venture "Le Poilu: Juli-Opel" ;) Das scheint aber etwas unbefriedigend. Die zweite Möglichkeit ist ein wenig ausschweifender: eine Welt- und Zeitreise. Der heutige Irak vor 4000 Jahren: 90 Kilometer südlich Bagdads lag damals am Euphrat die Stadt ka-an-ra ("die Pforte Gottes"), die um 2000 v.Chr. in bab-ilu umbenannt wurde. Etwa 700 v.Chr. entstand daraus dann das weltbekannte Babylon. Was lässt sich nun mit dem keilschriftlichen Urnamen einer solch geschichtsträchtigen Stadt anstellen? Ich fürchte etwas, für das ich seinerzeit bestimmt noch gesteinigt worden wäre:





To be - "In red evil naked eye". Popstar-Tinnef-Famulatur:
begeistre somnambul Charts. Neiden nimmer Ahnung.
Nun Gesetzte: Letal - "I miss amusing ...". Nähre Volksrat
& Spott. Liedname: Juli - "Baby cremates sadness.
Send asset: a mercy!"
(bab-ilu). Jemand eilt: Topstars!
Klo-Verhängnis um Assimilate. Letzte Segnung nun Harem
& Minnedienst. Rah-Club: man mosert. Siege brutal um Affen-
nitrats Popeye-Dekan. Live der nie bot.

Nun, ich hoffe, man kann es als Parodie auf heutige Musik-Charts sehen ;) Insofern musste bab-ilu hier als Name eines frei erfundenen Platten-Labels herhalten.

Samstag, 30. Juni 2007

Des Widerspenstigen Zählung III

Man muss eigentlich gar nicht so weit schweifen, um einen Lösungsansatz in den Händen zu halten, der uns in dieser Frage weiterhilft. Die Technik dafür steckt nämlich mittlerweile in fast jedem Handy ;) Die Rede ist von T9 bzw. iTap, intelligenter Texterkennung also. Manchen hat diese vorwitzige Hellseherei beim SMS-Schreiben bestimmt schon genervt, aber an sich ist es raffiniert: durch eine Trigrammanalyse ermittelt ihr Handy bei jedem Buchstaben die mögliche und wahrscheinliche Nachfolge. Dazu greift es auf ein sprachtypisches Wörterbuch zurück. Gäbe es sowas für Palindrome, wäre man fein raus ;)
Ich will nicht sagen, dass solches zu schaffen leicht ist - aber zumindest der Ansatz gelingt: Bi- und Trigrammverteilung in einem palindromen Fließtext. Als Untersuchungsobjekt diente dabei der Roman mit ca. 3000 Wörtern (Anfang Mai), dessen N-Grammverteilung ich dank einer Spezialsoftware namens CrypTool aufschlüsseln konnte. Und was nützt das? Noch nicht viel: aber wie beim Handy kristallisieren sich auch hier die wahrscheinlichsten Buchstabenkombinationen heraus. Sie könnten jetzt z.B. beschließen, sich ein Palindrom zu basteln: suchen Sie dazu in der Tabelle einen beliebigen Anfangs- und einen nachfolgenden Buchstaben heraus. Welche Verzweigungsmöglichkeiten sich aus dieser Kombination ergeben, verrät Ihnen dann die erscheinende Rangfolge bislang nachgewiesener Trigramme. Genau darin besteht auch die Einschränkung: was nicht existiert, ist entweder kein Palindrom oder ein noch unentdecktes ;) Für die gebräuchlichsten Palindrome funktioniert das aber schon recht gut.
Aber zurück zum ursprünglichen Ansinnen, die Palindromität ganz normaler Wörter erschließen zu wollen. Wäre nun z.B. Regal oder Leben das "bessere" Palindrom? Besser heißt dabei, dass es in palindromen Satzstrukturen häufiger Verwendung fände. Schauen wir dazu in die Trigrammstatistik (Excel-Datei):



Das ist recht deutlich. Die Trigramme aus denen Leben gebildet ist, treten im Durchschnitt etwa doppelt so häufig auf. Was noch nichts heißen muss: im Erhebungszeitraum Mai war das Romanprojekt gerade erst 7 Monate alt. Fertig ausgewachsen könnte er in einigen Jahren vielleicht 10000 Wörter umfassen. Das wäre dann repräsentativer. Und selbst wenn nicht: versuchen Sie mal, einen längeren palindromen Fließtext zu finden ;)
Da es sich hier um Neuland handelt, bin ich so frei, Palindromität vorläufig wie folgt zu definieren:


Damit wird sie sich in einer Größenordnung zwischen 0 und 1000 bewegen. Für Regal ist P = 194 und Leben P = 399. Das scheint mir überschaubar. Einwände können gerne geltend gemacht werden ;)

Samstag, 16. Juni 2007

Schni Schna ...

Schnapszahl-Schnappschuss ;) Da konnte ich heute einfach nicht widerstehen:

Freitag, 1. Juni 2007

Pimp my word: Juni

Im März hatte ich angedeutet, dass Wortkürze allein noch kein Garant für ein glückendes Palindrom sein muss. Der Juni demonstriert das auf eindrucksvolle Weise: inuJ. Wie man das auch dreht und wendet oder zerlegt - es kommt irgendwie nichts Bekanntes geschweige denn lyrisch Anmutendes dabei heraus: Nujang - autonomer Bezirk in der chinesischen Provinz Yunnan, Nujoma - namibischer Politiker, Ainu - Ureinwohner Nord-Japans, Apokoinu - rhetorische Figur der Worteinsparung, Mardinu - Geburtsort von Mani (216-277 n. Chr.) in Babylonien. Oder hätten Sie's gewusst? Ich bis vor Kurzem auch nicht ;)
Man sagt Palindromen zwar nach, dass sie mitunter die Poesie eines Kreuzworträtsels hätten, aber man muss es ja nicht drauf anlegen ;) Bliebe also noch ein nuschelnder Aufseufzer:

Stahlhart Stieleis & Netztanga: Juni?
"Nu ja" gnatzten sie. Leitstrahl hat's.
oder der letzte Rettungsanker: Inu. Als Vorname oder japanisches Wort für Hund. Letzteres führt auf eine interessante Spur: steinerne Torwächterfiguren vor dortigen Tempeln, die "koma-inu" heißen (s. Abb.). Das ist zwar auch nicht unbedingt naheliegend, aber immerhin ein Hauch von Bedeutsamkeit:





Sit-in ihr einsetzt. Unsre Vermiedne
gern an Rekrut Anruf fortsetzte.
Juni-Amok. Notrufpanne: Fiesta-Lose.
Desolat. Seifennapf-Urton: "koma-inu".
Jetzt es troff Urnatur, kernanregende,

im Revers. Nutzt es nie? Rhinitis.

Mittwoch, 30. Mai 2007

Des Widerspenstigen Zählung II


"Da habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet" heißt es im Märchen von Aschenputtel.


Gut möglich, dass unsere Muttersprache mit den Palindromen etwas Ähnliches im Sinn hatte ;) Nur um einiges perfider: Nicht aus der Asche sucht man etwas heraus, sondern in einem Meer von Linsen diejenigen, die sich spiegelbildlich entsprechen. Das geht eigentlich nur durch langwierige Inaugenscheinnahme jeder einzelnen. Gerade deshalb wäre ein schnelles Extraktionsverfahren wie im Märchen hilfreich: "Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen." Was aber bedingt hier qualitative Abstufungen zwischen "perfekt" und "geht überhaupt nicht" - die Widerspenstigkeit oder Palindromität der Worte, ihr Vermögen also, umkehrbare Verbindungen einzugehen bzw. auszubilden?

Die erste Überlegung vor einem Monat zielte dabei auf die Buchstabenhäufigkeit ab. Mit diesem Denkansatz ließen sich die dreibuchstabigen Wörter schon recht gut einschätzen. Dabei blieb allerdings eines außer Acht: Buchstaben existieren ja nicht als isolierte Einzelindividuen, sondern stets in Verbindung mit anderen. Und in diesem "Paarungsverhalten" sind sie ähnlich wählerisch wie Menschen: nicht jeder kann mit jedem ;) Berücksichtigt man die relativen Bigrammhäufigkeiten, in denen solche Vorlieben und Abneigungen Niederschlag finden, ergibt sich ein genaueres Bild der möglichen Wahlverwandschaften. Dank einer guten Freundin lässt sich das auch in einer Formel ausdrücken:



An einem Beispiel verdeutlicht:

Das Wort "Beil" enthält 4 Buchstaben, die im Deutschen mit einer charakteristischen Häufigkeit auftreten:
1.) B: 1,9%, E: 17,4%, I: 7,6%, L: 3,4%. Im Mittel: 7,6%.

Darüber hinaus besteht es aus 3 Bigrammen, die wir in dem Fall rückwärts betrachten: LI -> IE -> EB. Auch diese treten im Deutschen mit einer bestimmten Häufigkeit auf:
2.) LI: 17,3%, IE: 21,1%, EB: 2,6%. Im Mittel: 13,7%.

Partiell auftretende Unschärfen in beiden Berechnungen erfordern die Bildung des Gesamtdurchschnitts:
3.) Diesen mittleren Wert definiere ich als Palindromität P, für "Beil" ergibt sich P=10,7.

Diesen Algorithmus habe ich zu Versuchszwecken auf alle vierbuchstabigen Wörter angewendet. Mehrere hundert konnten so relativ schnell klassifiziert werden ("wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgelesen hast, so sollst du mitgehen"). Die Höchstwertung erhielt dabei übrigens "Rebe" mit 18,7. Ab den erkennbar Schwierigen habe ich dann die Umkehrbarkeit untersucht. Das ist "Grundlagenforschung" mit Mut zur Lücke und eine Einladung zur Widerlegung* ;) Von den ca. 750 Wörtern erwiesen sich am Ende nur 4% als nicht palindrom:
6,2 Myom
5,8 Stau
5,5 wild
5,3 Zimt
4,4 Slum
4,4 Wind
4,1 Pfad
3,9 Kurs
3,9 zwar
3,8 Wink
3,7 Zorn
3,5 wund
3,4 Blut
3,4 Glut
3,2 Gong
3,2 Wurm
3,1 keck
3,1 Spuk
3,1 pfui
3,0 Punk
2,9 Form
2,9 Jeck
2,9 kurz
2,8 chic
2,5 Jury
2,5 Kohl
2,0 Kick
1,9 Fick
1,8 Guck


Die mathematische Rangfolge deckt sich dabei im Wesentlichen mit der gefühlten, empirischen Widerspenstigkeit. Mit einigen Ausreißern wie

12,8 Noxe: Retsina-Noxe: Sex-Onanist, er
10,5 Neon: Mord. Nil. Apnoe. Neon-Palindrom.
9,1 Lyse: Bargeld-Naht. Lyse. Sylt handle. Grab.

die längst nicht so pflegeleicht sind, wie hier ermittelt.

Die Grenzen dieser Methode liegen in der Anschauung einer sprachlichen Normalverteilung, die für Palindrome zwar aussagekräftig aber nicht bindend ist. Sie finden manchmal eben auch Wege, wo keine sein dürften und versagen sich anderen, die passabel scheinen. Das Eigensinnige ist das Unkalkulierbare dabei. Man darf also auf eine Fortsetzung dieser Geschichte gespannt sein ...

_________
* Schreiben Sie mir ruhig, wenn Ihnen ein hier nicht erwähntes Wort unumkehrbar scheint!

Freitag, 25. Mai 2007

A. Schmidt und A. Nicolai: Wer errät's?


Schmidt, August und Nicolai, Anna: Wer errät's?
150 neue Original-Rätsel verschiedener Gattung:
Buchstaben-, Silben- und Zahlenrätsel, Homonyme, Logogriphe, Palindrome, Charaden, Rösselsprünge

o.J. [ca. 1905], 240 Seiten*







Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Rätseldichtung, Zahlenrätsel

In diesem Buch findet man ein seltenes palindromes Kleinod - ein magisches Quadrat. Das jedenfalls ergibt sich in der Auflösung eines Zahlenrätsels (siehe Nr. 86.):


Es handelt sich hierbei um einen Buchstabenwürfel, der mit Ausnahme der Diagonalen in allen Reihen vorwärts und rückwärts lesbar ist. Solche magischen Quadrate sind aus dem Griechischen und Lateinischen überliefert, im Deutschen aber absolute Mangelware.

Die Palindrom-Rätsel als Auszug:

12.
Dem Meere bin ich kaum entstiegen,
Das faßt mich eine wilde Hand,
Mit ihr in Eile zu durchfliegen
Das Feld, den Wald, die Stadt, das Land.
Was ich alsdann im Groll erfasse,
Muß mitleidslos zu Grund gehn,
Doch wo ich sanft mich niederlasse,
Wird neues Leben bald erstehn.

Nun wolle mich von rückwärts lesen,
Dann gleich ich äußerlich der Nacht
Und war ein unglücksel'ges Wesen,
Wenn aus der Heimat ich gebracht.
Doch endlich brechen meine Banden,
Der Freiheitsmorgen tagt auch mir
Und bald werd' ich in allen Landen
Als Mensch betrachtet gleich wie ihr.
?

37.
Ein Städtchen bin ich am Meeresstrand,
Und was ich fabriziere
Ist weit und breit gar wohl bekannt
Und mundet dir zum Biere.

Doch dreh' mich um, und was entsteht,
O, schauderhaft zu sagen!
Im Fabrikat spazieren geht,
Wenn du's nicht schon im Magen.
?



82.
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Gegeben sind: "a, a, a; b, b; d; e, e, e, e; ch, i, l, l; m; r."
Diese Buchstaben solle in vorstehende Quadrate so eingesetzt werden, daß ergeben;
1, 2, 3, 4 den Namen eines Propheten;
4, 3, 2, 1 einen Ort im Lande Hadeln;
5, 6, 7, 8 den Menschen, der zuerst hat ins Gras beißen müssen;
8, 7, 6, 5 einen Fluß in Pommern;
9, 10, 11, 12 eine alte grieschische Königstochter;
12, 11, 10, 9 einen Stand, der viel gesündigt, aber auch viel genützt hat;
13, 14, 15, 16 ein Tier, dessen Fleisch sehr geschätzt wird;
16, 15, 14, 13 eine Pflanzem deren Frucht des Menschen Herz erfreut.


84.
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Die Buchstaben: "a, a, a, a; d; e; i; i; l; m, m, m; n; o; r; f"
sollen in vorstehende Quadrate so eingesetzt werden, daß ergeben:
1, 2, 3, 4 einen Mädchennamen;
1, 8, 9, 16 eine alte Landschaft südlich von Palästina;
16, 15, 14, 13 eine Getreideart;
13, 12, 5, 4 eine jüdische Frau;
4, 5, 12, 13 einen Fluß in Armenien;
4, 3, 2, 1 eine Ernährerin;
16, 9, 8, 1 etwas sehr Veränderliches;
13, 14, 15, 16 ein Land in Hinter-Asien;
1, 7, 11, 13 eine Landschaft in Peloponnes;
13, 11, 7, 1 einen Küstenfluß in Venetien;
16, 10, 6,4 einen Paß über den Kamm der Himalajakette in Englisch-Indien;
4, 6, 10, 16 ein Land in Hinter-Asien.


86.
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Gegeben die 5 Buchstaben: "a, k, m, o, r."
Dieselben sollen die die vorstehenden Quadrate so eingesetzt werden, daß ergeben:
1, 2, 3, 4 und 1, 5, 9, 13 und 16, 15, 14, 13 und 16, 12, 8, 4 dasselbe Wort, welches ein Gewicht und eine Münze bezeichnet;
4, 3, 2, 1 und 4, 8, 12, 16 und 13, 14, 15, 16 und 13, 9, 5, 1 dasselbe Wort, welche eine geringfügige Sache bezeichnet;
5, 6, 7, 8 und 2, 6, 10, 14 und 12, 11, 10, 9 und 15, 11, 7, 3 einen heidnischen Gott;
9, 10, 11, 12 und 3, 7, 11, 15 und 14, 10, 6, 2 und 8, 7, 6, 5 eine berühmte Stadt.


88.
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Gegeben: a, a, a, a; b; g; i; o; p; r, r, r, r; s; t; u."
Dieselben sollen in vorstehende Quadrate so eingesetzt werden, daß ergeben:
1, 2, 3, 4 eine Zierde des Mannes;
4, 3, 2, 1 eine Gangart;
1, 5, 9, 13 ein wirtschaftliches Uebel;
13, 9, 5, 1 eine nicht sehr anmutende Eigenschaft;
13, 14, 15, 16 eine Pflanzengattung;
16, 15, 14, 13 ein sehr stilles und von wenigen ersehntes Häuschen;
4, 8, 12, 16 einen unbeholfenen Menschen;
16, 12, 8, 4 eine Krankheit bei Pferden;
13, 10, 7, 4 etwas, mit dem der Turner gern Luxus treibt;
4, 7, 10, 13 einen Gegensatz der Wahrheit;
1, 6, 11, 16 einen weisen Menschen des Altertums;
16, 11, 6, 1 einen persischen Liederdichter des 16. Jahrhunderts.


89.
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Gegeben: a, a; d; e, e; i, i, i; l; n, n; o; s, s, s, v.
Diese Buchstaben sollen in vorstehende Quadrate so eingesetzt werden, daß ergeben:
1, 2, 3, 4, ein französisches Wort, welches auf Wechseln zuweilen steht;
4, 5, 12, 13 einen italienischen Schlachtenort;
13, 14, 15, 16 einen spanischen Frauennamen;
16, 9, 8, 1 einen männlichen Namen;
1, 8, 9, 16 ein Gewürz;
16, 15, 14, 13 eine Schillersche Gestalt;
13, 12, 5, 4 eine Sache, die gegen das erste mosaische Gesetz verstößt;
4, 3, 2, 1 ein aus dem Erdinnern stammendes Produkt;
1, 7, 11, 13 ein Küstenflüßchen in Italien;
13, 11, 7, 1 einen Ort im russischen Gouvernement Pskow,
16, 10, 6, 4 ein Fabrikat, das schon manchen verdienterweise erhöht hat;
4, 6, 10, 16 eine Aufforderung, einen der Sinne in Thätigkeit zu setzen.

(Autor dieser Palindromrätsel: August Schmidt)


* als beigebundene Schrift in Aalborg, Edgar: Wie amüsieren wir unsere Gesellschaft? Neuer maitre de plaisir für Freunde geselliger Vergnügungen enthaltend: Zauber - Soiree in Vortragsform sowie: Die Kunst des Bauchredens und Orientalische Zauberbühne, Original-Rätsel, Rösselsprünge und Scherzfragen, Gesellschaftsspiele.... 3 Bände in 1. Stuttgart, Levy & Müller, o.J. (um 1900)

Juni 2012: Herzlichen Dank an Otto Janko für diesen Hinweis!

Dienstag, 8. Mai 2007

Palindrome goes chamber music: metallatem

Uraufführung von Andreas Kerstings "metallatem" beim 4. Forumkonzert des RIAS Kammerchores am 5. Mai 2007 in der Treppenhalle des Landgerichts Berlin:

Das Foto der Treppenhalle kann gut als Sinnbild dienen, womit man es bei Palindromen zu tun hat. Es sind Wortgebäude, die ausschließlich von ihrer symmetrischen Innenarchitektur geformt und getragen werden. Filigrane Raumschöpfungen, die man mit eigenen Augen gesehen haben sollte, weil jede Deskription nur ein Abglanz des Wesenhaften wäre. Wie aber vertont man Palindrome? Wie bringt man etwas zu Gehör, das sich nur dem Auge erschließt? Vielleicht so, wie man als Besucher in dieser Treppenhalle steht: man lässt sie auf sich wirken. Impressionen wären ja bereits Klangbilder unserer Empfindsamkeit. Aber Palindrome sind im Gegensatz dazu weit von jeder ästhetischen Formvollendung entfernt. Man findet in ihnen nur Sprachverbiegung: statt Gänsehaut nur Haarsträubendes ;) Im Bemühen, auf Biegen und Brechen einen derartigen sprachlichen Ausnahmezustand zu erschaffen, erhält man halsbrecherische Konstrukte, reine Machbarkeitsstudien, die nichts außer sich selbst tragen: keinen Sinn, keine Botschaften. Der experimentellen Lyrik ist das egal. Jemandem, der nach Inspiration sucht, sicher nicht ...


Man kann es Andreas Kersting also nur danken, dass seine Vertonung alles andere ist, als eine Fortsetzung des Textes mit anderen Mitteln ;) Die Komposition ist eine eigenständige und gelungene Hommage an die Spiegelbildlichkeit auf höherer Ebene:

Sie erhebt die Sprache vom Papier und löst die Worte in ihren überbeanspruchten Bindungen auf. Anders, als es dem Text nach zu befürchten stünde, wird er in dieser sphärischen Entgrenzung tatsächlich zu einem echten Hörerlebnis. Davon aber müsste sich wohl jeder selbst ein Bild machen ;) Ich hoffe sehr, dass sich dazu noch die ein oder andere Gelegenheit bieten wird.

Dem RIAS Chammerchor mit seinen hervorragenden Solisten und Musikern sei für diesen rundum gelungenen Konzertabend gedankt.