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Sonntag, 16. Dezember 2007

Ecke Bonk: aide moi o media


Bonk, Ecke: aide moi o media
Alu-Lichtkasten, Spiegel, 1997, 151 x 242 cm
Sammlung Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz (AT)









In einem Zeitraum von 1986-96 entstanden, war der Spiegel mit der palindromen Licht-Inschrift erstmalig 1997 auf der documenta X im Rahmen der Installation "The typosophic pavilion" zu sehen, einer Gemeinschaftsausstellung mit Richard Hamilton. 2006 richtete das Musée André Malraux in Le Havre (FR) mit der Ausstellung 'Continuum' einen speziellen Fokus auf palindrome Kunst, in der neben "aide moi o media" auch weitere Arbeiten von Ecke Bonk gezeigt wurden:
- no it is oppositon, 1997, Spiegel, 151 x 242 cm
- o grammar go, 1997, Spiegel, 151 x 242 cm
- in girum imus nocte et consumimur igni, 1987, 2 Glasplatten, 45 x 60 cm.

Über Ecke Bonk (* 1953 in Berlin):

Sonntag, 9. Dezember 2007

Zufallsfund

Bei den andauernden Ausgrabungsarbeiten im Wortsteinbruch stieß ich heute auf ein wunderschönes Palindrom. Einziger Wermutstropfen - es ist ein englisches:
deep sleep - peel speed
(Tiefschlaf - Geschwindigkeit des Abblätterns/Herausschälens)

Es gibt sie also doch, die bedeutungsvollen Palindrome ...

Manchmal ergeben sich auf diese Weise auch palindrome Joint-Ventures: man schaue sich nur einmal das deutsche Wort "doof" an. Im Englischen nimmt es jeder ohne Scheu in den Mund ;) Von diesen Sprachwandlern gibt es mehr als man denkt. Hier einige, die im Roman ein Zuhause fanden:

"animal sadness". Irre
zerrissen das Laminat

gar "Freedom of Arts"
Trafomode erfragt

No deism: hurt & lewdness.
~ßend Weltruhm sie don~

"Terra Nostra". Negieren
~ner Eigenart so narre

im Nu - "Fiat Nox!" - anregt
gern Axon-Taifun mi~

"La bella vita": Kolibri - die Seele.
Gelee sei dir bilokativ alle bald

Ragout - "o domado"
Tod "a modo tuo" gar

eines Anreizes sannen? Earth closed.
Gnade, solch tränennasse Zier! Nase nie

"Regnum Hominis"
~sin im Ohm ungern

"Urbi et Orbi"
Brot, Ei, Brut


Montag, 3. Dezember 2007

Alexander Moszkowski: Ein tausendjähriges Rätsel

+ S + A + T + O + R
+ A + R + E + P + O
+ T + E + N + E + T
+ O + P + E + R + A
+ R + O + T + A + S

So sieht das Rätsel aus, das nun schon durch die Jahrhunderte vielen Forschern, vornehmlich Philologen, arges Kopfzerbrechen verursacht hat. Als Inschrift an geweihten Orten hielt es die Betrachtung Unzähliger magisch gebannt, viel Scharfsinn hat sich an ihm gewetzt, allein bis heute ist es nicht gelungen, den Sinn der fünf Zeilen aufzudecken. Man erkannte nur immer wieder, daß es sich um ein höchst merkwürdiges Buchstabenspiel handelte, vielleicht um eine Beispiellosigkeit. Das drängt sich schon dem flüchtigen Blick auf. Man kann die fünf Worte von links nach rechts, von rechts nach links, von oben nach unten, von unten nach oben lesen, – immer ergibt sich dasselbe. Es ist also, um den gebräuchlichen Kunstausdruck anzuwenden, ein »Palindrom«, und zwar ein Palindrom in vierter Potenz.

In dieser Merkwürdigkeit liegt aber nur ein äußerliches Kennzeichen des berühmten Rätsels. Die tiefer schürfende Frage richtet sich auf etwas anderes: Was hat dieser kuriosen Anordnung zum Range einer oft wiederkehrenden Inschrift verholfen? Mit der bloß spielerischen Deutung kommt man da nicht aus. Eine Inschrift muß sinnvoll sprechen; und wenn sie in Rätselform eine Frage stellt, so muß wenigstens die Fragestellung verständlich werden. Hier sprach eine Sphinx anscheinend lateinisch; mit den einzelnen Worten konnte man zur Not fertig werden; aber nicht der leiseste Verstandeszusammenhang wollte sich ergeben, und unter allen Grüblern, die dieser Sphinx gegenüberstanden, ist bis heute ein Ödipus nicht hervorgetreten.

Man hätte an eine mönchische Laune glauben können, wären jene Worte nur irgendwo in einer Klosterecke oder handschriftlich in einem Brevier angetroffen worden. Aber weit über solch enge Begrenzung haben sie sich fortgepflanzt, mit einer Kraft und Dauer, wie sie nur einem sinnigen Zitat eignen können. Eine ganze Literatur hat sich um sie aufgebaut; sie nennt die Stätten, die sich jener Inschrift zur Behausung bieten: die Kirche der Augustinerinnen von Verona, die Mutterkirche von Magliano, verschiedene französische und englische Kirchen; auf dem Pflaster der Sakristei der Kirche Pieve Terzagni in Tremona ist die Inschrift um das Mosaikbild der vier Evangelisten eingelassen; aufgenommen wurde sie in der Peterskirche bei Capestrano; und über Europa hinaus hat sie sich nach Ägypten und Äthiopien fortgepflanzt. Und nicht nur in Kathedralen und Basiliken hat sie sich ansässig gemacht; man findet sie in einer Bibel der Karolingerzeit, auf einem Siegelstempel spanischer Kirchenbehörde, auf den Stempelmarken der österreichischen Schatzkammer von 1572, auf Medaillen, auf dem Boden eines der Insel Gotland entstammenden Silberbechers, vermutlich noch an vielen anderen Orten; immer begleitet von den stummen, ach so vernehmlichen Seufzern Tausender: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten!

Ich glaube nun, daß ich imstande bin, eine Lösung des Rätsels vorzulegen. Es mußte unüberwindlich bleiben, solange wir nur mit dem Lexikon bewaffnet es angreifen wollten. Bei erstmaliger mechanischer Zerlegung zerfällt die Inschrift in zwei Teile, deren längerer kaum mehr beansprucht als das Wissen eines Tertianers. Sator: der Sämann; Tenet: hält; Opera: die Werke; Rotas: Flexionsform von rota, das Rad; vielleicht von rotare: kreisförmig umherdrehen. Aber »Arepo«? Starr und glotzäugig blickt dieses Wort aus dem magischen Quadrat in die Welt; kein Wörterbuch kennt es in dieser Form; in ihm scheint das Geheimnis der Schrift beschlossen, die sich sonach geradezu den Titel des Arepo-Problems verdient hat. Nur eine verwandte Bildung bietet sich zur Nothilfe: Arepennis, ein gallisches Wort, aus dem das spätere »arpent« entstand, in der Bedeutung eines Ackers von der Größe eines halben Morgens. Immerhin, vom Sämann zum Acker bestand die Begriffsbrücke; betrat man sie, so konnte man sich allenfalls bis zur vierten Zeile durchhelfen. Aber mit dem Wort »Rotas« war nichts anzufangen. Es fiel mit seinem radförmigen Inhalt aus der landwirtschaftlichen Beziehung heraus, und man sah sich gezwungen, zu transzendenten Deutungen zu flüchten.

Alle Möglichkeiten wurden durchstöbert. Bei Cicero heißt es: fortunae rota, die Unbeständigkeit des Glücks; im Lukrez steht: solis major rota, die kreisförmige Sonnenscheibe. Das ergab Hinweise auf Welt und Schicksal, die so eine Inschrift sehr nötig brauchte, um einigermaßen mit dem Anspruch auf Bedeutung und Würde zu bestehen. Man besann sich auf die Rota Romana, als eines Gerichtshofes im ehemaligen Kirchenstaat. Allein die geheimnisvolle Inschrift reicht in der Zeit weiter zurück als das Bestehen dieses Tribunals, und zudem paßte die Rechtspflege in keiner Weise auf irgend einen erträglichen Sinn des Ganzen. Ein italienischer Gelehrter verlegte ganz mystisch die Rota, den Radbegriff, in die Inschrift selbst, die nach vier Seiten gelesen dasselbe ergibt, sich also umdreht wie ein Rad. Wie Wind und Rad soll demnach die Inschrift ein Sinnbild geben für das Unendliche, für die Ewigkeit, für die Anfangs- und Endlosigkeit Gottes. In dieser gehobenen Umschreibung liegt zugleich der Verzicht auf ein deutliches Erfassen der Worte. Und viel mehr war aus den Auskünften kenntnisreicher Philologen, denen ich das Problem vorlegte, auch nicht herauszubringen.

Trotzdem kam ich von der Vermutung nicht los, daß eine Übersetzung, wenigstens in Annäherung, möglich sein müsse. Gab es ein Mittel, den Radspuren der Rota noch nach anderer Richtung zu folgen? Führte eine Spur vielleicht auf den Boden der Inschrift selbst, auf Tempelgrund?

Das entspricht nun tatsächlich der geschichtlichen und baulichen Wirklichkeit. Auf dem Boden der Weltkirche, zu Sankt Peter in Rom, befand sich unweit des Eingangs die »Rota Porphyretica«, ein kreisrunder, dem Boden eingefügter Porphyrstein, ein uraltes Wahrzeichen, dem für das Zeremoniell die größte Bedeutung zukam. Auf ihm hatte der kaiserliche Kandidat vor der Krönung sein Glaubensbekenntnis abzulegen. Auf dieser Rota wurde zelebriert, auf ihr wurden weltgeschichtliche Verträge geschlossen. Der Platz im Mittelpunkt der Rota beanspruchte im Heiligtum noch eine besondere Weihestellung.

Ganz zwanglos darf man weiter schließen, wenn man das engere Symbol für den größeren Begriff setzt, wie man Thron oder Szepter für das Königtum, die Fahne für das Regiment anspricht: Als Teil für das Ganze gesetzt bedeutet Rota: die Kirche; eine rhetorische Figur, die im Rahmen eines Spruches, eines Zitates vollkommen verständlich erscheint.

Nun gewinnt der vermeintliche Unsinn jener Buchstabenspielerei allmählich ein sinniges Gesicht; und zur restlosen Übersetzung bedarf es nur noch einer unschwierigen Preisgabe grammatischen Zwanges. Nehmen wir Arepo als den mundartlich verschobenen Beugungsfall von Arepennis, Acker, Scholle, Hufe; nehmen wir ferner das Schluß-s von Rotas als einen Ersatz für den Genitiv (wofür ja Analogien vorliegen, z. B. in »pater familias«), und die Aufgabe ist gelöst. Ein klarer, mit Herkunft und Örtlichkeit schön harmonisierender Satz erwächst aus dem Palindrom. Er heißt zunächst wörtlich: Der Sämann auf dem Acker hält (erhält, bewahrt, betreut) die Werke der Kirche; anders ausgedrückt könnte er die Form des Spruches annehmen:
Der Sämann, der seinen Acker bestellt,
Betreut die Werke der Kirchenwelt.
Hierin wäre eine Interessengemeinschaft und Solidarität zwischen den Kreisen der irdischen und der himmlischen Werktätigkeit ausgedrückt. Und deutlicher oder zweckdienlicher braucht sich ja eine Inschrift an geweihtem Platz gar nicht auszudrücken.

Daß sie außerdem noch das Wunder leistet, in jeder gewählten Leserichtung den gleichen Klang und Sinn zu ergeben, verbürgt ihr den Rang des Unikums. Um dieses Einzigartige und Unwiederholbare zustande zu bringen, mußte sich eben der verschollene Verfasser der Inschrift an zwei Stellen zu einem mäßigen Zugeständnis an die Grammatik entschließen. Die rein formale Genauigkeit konnte nicht entscheiden und verbieten, wo es galt, aus der Unendlichkeit aller Wortfolgen einen so staunenswerten Sonderfall zu gewinnen. Wir besitzen zwei lateinische Sätze und einen griechischen Spruch, die umkehrbar sind, d. h. vor- und rückwärts gelesen das Gleiche ergeben. Aber das sind ja Kleinigkeiten gegen unser magisches Quadrat, das sich der identischen Lesung nach vier Seiten öffnet. Durch ein Jahrtausend hat es sich, selbst unter der Larve der Sinnlosigkeit, als ein Mirakel erhalten. Glückt es nun noch, die uralte Verschleierung zu beseitigen und in dem Gestammel eine verständliche Menschenrede zu erkennen, so tritt noch ein weiteres Wertmaß auf: das der Würde. Die von mir vorgeschlagene Lösung erhebt nicht den Anspruch auf Endgiltigkeit; sie zeigt indeß einen Weg, und selbst einem Bezweifler wird sie in ihrer vorläufigen Fassung lieber sein als der blanke Verzicht auf irgendwelche Erklärung.

Ich darf feststellen, daß mein Lösungsversuch die ganze uralte Arepo-Frage erneut ins Rollen gebracht hat. Ich geriet in ein langanhaltendes Kreuzfeuer von Zuschriften und Artikeln, die auf allen erdenklichen, logischen wie abenteuerlich verschlungenen Denkwegen diesem Problem beizukommen versuchten. Sehr interessant erschien mir die Mitteilung eines Arztes, daß jene rätselhafte Schrift auch in der medizinischen Fachwissenschaft eine Rolle gespielt hat. In den »Ägyptischen Geheimnissen für Mensch und Vieh« des gelehrten Magiers Albertus Magnus befindet sich die Anweisung, die Worte Sator Arepo usw. auf Streifen zu schreiben und den kranken Haustieren gegen Hexerei und Teufelswerk einzugeben. Auch gegen Brandgefahr sollen sie sich bewähren: man schreibe Sator Arepo usw. auf jede Seite eines Zinntellers, und werfe ihn in die Flammen, sogleich wird das Feuer geduldig verlöschen. Das hohe Alter der Spruchformel wird ja durch anderweitige Tatsachen genügend erwiesen; aus den Anweisungen des Doctor universalis Albertus Magnus ersieht man aber, daß sie sich bereits im dreizehnten Jahrhundert zu weitreichender Geltung durchgesetzt hatte.

Steckt vielleicht wirklich eine Gebetformel in dem Spruch? und wäre es möglich, sie offenkundig zu entwickeln?

Ein geistreicher Zeitgenosse, H. William, damals im Felde, hat auf Anregung des von mir frisch entrollten Problems den überaus kühnen Versuch gewagt, von den Einzelworten abzusehen, vielmehr nur die 25 Buchstaben des Quadrats nach der Methode des Rösselsprungs zu ordnen. Sein Ergebnis ist staunenswert: auf zwei verschiedenen, symmetrischen Rösselsprung-Zickzacklinien ermittelt er restlos: »Oro te pater, – oro te pater, – sanas!« »Ich bitte dich, Vater, Ich bitte dich, Vater, du heilst!« Kein Buchstabe bleibt übrig, und das Ganze erklingt als ein Stoßgebet in menschlicher Notlage.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß diese scharfsinnige und höchst verblüffende Deutung für die Zukunft den Sieg erringen wird, als einer magischen Frage magische Beantwortung.

__________________

Essay entnommen aus Moszkowski,
Alexander: Unglaublichkeiten. Ernste und heitere Paradoxe. Berlin: Eysler [ca. 1920], als Online-Text im Projekt Gutenberg

Über Alexander Moszkowski (1851 - 1934):

Mittwoch, 25. Juli 2007

Odilo Schreger: Studiosus Jovialis


Schreger, Odilo: Studiosus Jovialis, seu Auxilia ad Jocosè, & honestè discurrendum
München u. Stadtamhof 1751, 840 Seiten









Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Erwähnung

Franz Jacob Schreger war ein Odilo genannter Pater des Benediktinerklosters zu Ensdorf und lebte von 1697 bis 1774. Im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon heißt es zu seinen Schriften u.a.:
"Mit ihrem Sammelsurium an geographischen und historischen Denkwürdigkeiten, theologischen Merksätzen, philosophischen Aphorismen, naturwissenschaftlichen Erkenntnissen sowie vergnüglichen Rätseln, Wortspielen und Schwänken vermittelten Kompendien wie der »Studiosus Jovialis« (1749), der »Lustig- und Nutzliche Zeit-Vertreiber« (1753) oder der »Auszug der Merckwürdigsten Sachen« (1755) einem breiten Publikum nicht nur vielerlei Wissenswertes, sondern befriedigten auch dessen Bedürfnis nach heiterem Lesestoff."
In "Studiosus Jovialis" finden wir im Vorfeld einer Aufzählung deutscher Anagramme das wohl berühmteste aller Palindrome - das Sator-Quadrat:

Unter den genannten Anagrammen tauchen auch einige Palindrome auf:


Diese Begeisterung für Anagramme stieß seinerzeit offenbar nicht überall auf Verständis oder Gegenliebe, wie ein bereits 1711 erschienenes Spottgedicht zeigt. Überschrieben war es mit den Worten "Wider diejenigen, die so gerne die Worte versetzen":

Was hat doch auf dem Helicon,
Ein Anagrammatist davon:
Daß er der Wörter Ordnung stöhret?
Nichts, denn daß er den Kopf sich stöhret,
Und wie die Wörter er verkehrt,
So sein Gehirn sich mit verkehret.1

Wie es Odilo Schreger in dieser Hinsicht erging, ist nicht belegt, dafür aber das Zeugnis eines Zeitgenossen. Herr Levander dichtete 1732 ein Sinngedicht zur anagrammatischen Poesie mit seufzendem Unterton:

Ein Letter-Wechsel kann des Dichters Quelle seyn;
Trifft mehrmals Wort und That ganz schicklich überein,
O wohlgeliebter Strom, der aus der Quelle dringet!
O unbeliebter Vers, der diß und das erzwinget!

und merkte in "Poesis Poetica" verteidigend an:
§. 3.
Was die andre gewöhnliche Art der anagrammatischen Poesie betrifft, so ist es an dem, daß, sofern sie ungezwungen und schicklich, dieselbe nicht schlechthin so zu verabscheuen, als, von gar zu morösen Gemüthern, in einem unbilligen Eckel, geschiehet. Non sua prorsus carent utilitate & jucunditate quantumuis laboriosi magis, quam ingeniosi anagrammatum partus, ist das billige davon zu fällende Urtheil; welches wohlgesetzte und ungezwungene Anagrammata zur genüge verificiren.2

Das hier vorgestellte Exemplar befindet sich im digitalisierten Bestand der Google-Buchsuche und ist dort vollständig online zugänglich.
_______________________
1 Besser, Johann von: Des Herrn von B. Schriften. Leipzig: Johann Friedrich Gleditsch und Sohn, 1711, Seite 484
2 Levander, V.D.M.: Poesis Poetica: Oder, poetische Betrachtung der Poesie in 100 Sinn-Gedichten. Brandenburg: Johann Ernst Wohlfelden, 1732, Seite 83f

Das ABC cum notis variorum II


Das ABC cum notis variorum, herausgegeben von einem dessen Nahmen im A.B.C. stehet. Erster und Ander Theil
Leipzig und Dresden, Miethe & Richter 1703, 288 Seiten









Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Erwähnung

"§. 299. Gleich wie im ersten Theile dieses A.B.C. cum Notis Variorum allerhand Anagrammata beygebracht worden; also soll es auch in diesem andern Theile daran nicht mangeln."
Da verspricht der anonyme Verfasser auf Seite 242 nicht zu viel. In der umfangreichen Sammlung überwiegend lateinischer Anagramme finden sich auch hier wiederum ein paar deutsche. Hinter einigen verbergen sich Palindrome:
Redel - Edler/ Leder
Seel - lese / Esel
Borg - grob
Graß - Sarg
Rhe - Ehr
Das Wort "Regen" wird hier übrigens mit dem Anagramm "gerne" in Verbindung gebracht.


Auf Seite 250f heißt es weiter:
Wir wollen noch etwas reden von dem Anagrammatismo, Wort-Buchstaben-Wechsel/ da man die Buchstaben umsetzet / verwechselt / andere schöne Wörter und Sensum herausbringet / dieselben ausarbeitet / und auff die Person ziehet / welche den Nahmen geführet: und ist dieses ein herrlicher Lusus ingenii, da kluge Köpffe sich hervorthun / und bißweilen gelehrte Sachen ans Tage-Licht legen / die sich wohl sehen und hören lassen. Ein Gelehrter schreibt von selben also: Exacuat ingenium anagrammatum palaestra, in inveniendo prudentiam, in elaborando varietatem, in exornado svavitatem, in absolvendo efficiam. Die Ubung in dem Wort-Wechsel soll schärffen den Verstand/ und weisen in Erfinden die Klugheit / in der Ausarbeitung die Veränderung / in der Auszierung die Lieblichkeit / und in der Ausfertigung / was sie thun könne. Ein anderer schreibet hiervon also. Nec datur ingenii majus delicium aut laboris obsonium scriptione anagrammatica animorum pabula & oblectamenta. Es ist dem Verstande keine grössere Lust / oder bey der Arbeit eine bessere Kost als Anagrammata zu schreiben / denn sie ernehren und belustigen die Gemüther. Der grosse Scaliger giebt dieses Gleichniß. Gleichwie die Sonnen-Strahlen durch einen Spiegel auffgefangen / mehr Wärme haben: also belustiget das Lob vornehmer Männer mehr / wenn es durch solchen Buchstaben-Wechsel der Welt vorgeleget wird. Und anderweit spricht er: Wie grüne Sachen der Menschen Augen erquicken / also ergötzen die Anagrammata die Gemüther. [ ] Der Jesuite Joh. Kviathiviez in seiner Svada Civili p. m. 132. gibt vor / es erforderten die Anagrammata mehr Mühe als Klugheit / ich weiß aber nicht / ob es so wahr geredet / denn die Mühe thuts gewißlich alleine nicht / es muß die Sache auch ein Geschicke kriegen / der tausende würde sich wohl die Mühe nehmen / etwas zu machen / aber er würde das Geschick und die Glückseligkeit nicht haben. Es sagt aber der Jesuite: erstlich wäre das ein Anagramma oder Buchstaben-Wechsel / wenn ganze Wörter zurücke gelesen werden / als: Roma, amor; und amor, Roma; aura, arua; nemo, omen; sum, mus; oro, dahin ziehet er den Vers: Belligerabo facris, nec probo dicta patrum, ist ein Pentameter, zurücke aber wird er ein Hexameter. Patrum dicta probo, nec facris belligerabo. Welche sonst Versus cancrini oder Krebs-Verse genennet werden. Zum andern/ sagt er/ werde ein Buchstaben-Wechsel / wenn man die Wörter aus ein ander nimt / und andere Wörter daraus macht / und das ist demnach die rechte Art / er führet auch etliche bekandte Wörter an: als aus Lucianus wird Calvinus; aus Maria Magdalena grandia mala mea; aus Eucharistia Cithara Jesu; aus Ursula Laurus; aus Ignatius Lojola; o Ignis illatus a Deo; (hier aber irret er/) aus Paulus Apostolus, tu populos saluas; aus Albertus, ter albus; aus Bartholomaeus; ah Sol beatorum! Neulicher Zeit hat man den grosse Leopold so gemacht / Leopoldus, pelle duos, oder duplo sole.

Das hier vorgestellte Exemplar befindet sich im digitalisierten Bestand der Google-Buchsuche und ist dort vollständig online zugänglich.

Das ABC cum notis variorum


Das ABC cum notis variorum, herausgegeben von einem dessen Nahmen im A.B.C. stehet
Leipzig und Dresden, Miethe & Zimmerman 1695, 210 Seiten









Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Erwähnung

Der Verfasser dieser Sammlung lateinischer Kuriositäten und Sprachspiele ist leider unbekannt. In dem Buch ist auf Seite 161 folgendes zu lesen:
§. 317. Etliche haben mit den Buchstaben also gespielet / daß man ihre Verse zurück lesen / und entweder denselben / oder auch einen contrairen Verstand daraus bringen könen. Die Grammatici heissen es Versus Cancrinos, und führen zum Exempel an:
Otto tenet mappam madidam mappam tenet Otto.
Signa te signa temere me tagnis & angis.
Roma tibi subito motibus ibit amor.
Vid.Schmid.Gramm.inHypomn.p.447.
Und auf Seite 166f:
§. 322. Unter andern haben die Buchstaben im A.B.C. auch dazu dienen müssen / daß man sie bald so / bald anders verwechselt / und so genante Anagrammata daraus gemacht. Die Vorteile die dabey können gebraucht werden / sind unterschiedlich. Etliche schreiben die Buchstaben so vielmahl auf ein Papier / als Buchstaben in dem vorhanden Themate sind / und streichen hernach einen nach dem andern aus. Andere machen gewisse Zettel und schreiben auf einen jeden einen besondern Buchstaben / werffen hernach diese Zettel unter einander / so gut sie können. Ein blinder Magister zu Prage hat sich die Buchstaben in Holz schneiden lassen / und hernach durchs blosse Fühlen Anagrammata gemacht. Ich lasse einem jedem seinen Willen. Das weiß ich aber / daß Männer von grossem Judicio sich über solche Dinge nicht leicht machen: Denn es erfordert Zeit / die sie besser anbringen können. Und wenn sich ein Junge Zeit nimt / und Glück hat / kan er offt den vornehmsten Doktor in dieser Kunst übertreffen.
In §. 323 folgt dann eine lange Liste überwiegend lateinischer Anagramme. Darunter befinden sich aber auch einige deutsche. Eines davon ist Leben - Nebel:


Interessantes über diese Zeit und ihre Wertschätzung für Anagramme erfährt man in einem Artikel der "Blätter für literarische Unterhaltung" von 1848:
"Es kann nicht überraschen, daß im 16. und 17. Jahrhunderte, wo wie jetzt die Synthese, so die Analyse aus Worten starker Bedeutung, besonders aus solchen die dem Schwärmen fürs Mysteriöse, einer in der Menschenbrust damals ebenso starken Leidenschaft wie je, Vorschub leisteten, neue und auffallende Combinationen aufzustellen. Daher waren jene Tage die Blütezeit des Anagramm, in seiner Definition die Versetzung der Buchstaben eines Namens zu Hervorbringung eines oder mehrer Worte, welche dem Träger desselben zu Nutz oder Schaden gereichen. [ ] Gleich der Astrologie war das Anagramm Product einer geachteten und salarirten Kunst. Ludwig XIII. gewährte seinem Anagrammatisten ein Jahrgeld von 1200 Livres, und der begünstigte artiste - Villon hieß er - der seinen Titel: "königlicher Anagrammatist" wahrscheinlich für gleichbedeutend hielt mit dem "königlicher Prophet", gewann sich unsterblichen Ruhm durch eine Reihe in Anagrammen verfaßter Prophezeiungen. [ ] Im 16. und 17. Jahrhunderte erreichte die Kunst ihrer höchste Ausbildung als Mittel den Großen zu schmeicheln, und den Gegner zu verspotten."1
Ein eindrucksvolles Beispiel für Letzteres gibt Johannes Baptista Friedreich, der in "Geschichte des Rätsels" einige Spott-Anagramme erwähnt2, die nach der Entstehung der Illuminaten-Sekte kursierten. Aus "Illuminatus" wurde auf diesem Wege z.B.

ut limis luna (gleich dem schielenden Monde)
at illuminus (selbst ohne Licht)
saluti linum (des Heiles Fallstrick)
lumina lusit (er heuchelt Aufklärung)
illusit manu (er trieb mit Handschlag Gaukelspiel)
mitia nullus (Keiner kennt Humanität)
in tali mulus (in einem solchen steckt ein Maulesel)
manus illuti (unreine Hände)
luti salinum (des Kothes Gefäß)


Das hier vorgestellte Exemplar befindet sich im Bestand der Universitätsbibliothek Braunschweig: Signatur 1004-6041. Als E-Buch liegt es dort auch in digitaler Form vor und ist vollständig online zugänglich.
___________________
1 Blätter für literarische Unterhaltung. Jahrgang 1848. Zweiter Band. Leipzig: Brockhaus, 1848, Seite 1292
2 Friedreich, Johannes Baptista: Geschichte des Räthsels. Dresden: Verlagsbuchhandlung von Rudolf Kunze, 1860, Seite 21