Sonntag, 13. Juli 2008

GPS-Palindrome in Berlin: an der Panke


52°32'22.31" N 13°22'23.25" E
13347 Mitte
Park an der Panke
Chausseestraße/Schulzendorfer Straße



Empfehlung: für Touristen
Auto: Chausseestr., ca. 300m Fußweg
BVG: Reinickendorfer Str. U6 , ca. 300m Fußweg

Dieser Ort verbindet sich mit einer Seltenheit in Berlin - einem Haus, das von einem Fluss (die Panke) unterquert wird:Der Punkt liegt direkt dahinter im Parklässt sich aber wegen des dichten Baumbestands manuell kaum aufspüren - in dem Fall war es auf 3 Meter genau:
Informationen zum Projekt:
- Hintergrund: im Artikel "be Berlin!" vom 27.6.2008
- Methodik: im Artikel "GPS-Palindrome: Praxistest" vom 10.7.2008

GPS-Palindrome in Berlin: Bundesfinanzministerium


52°30'32.31" N 13°23'03.25" E
10117 Mitte
Bundesministerium für Finanzen
Wilhelmstraße 97
Empfehlung: für Touristen
Auto: Wilhelmstr. (Parkgebühren*), ca. 100m Fußweg
BVG: Leipziger Str./Wilhelmstr. Bus M48, ca. 200m Fußweg
Potsdamer Platz U2, S1, S2, S25, ca. 800m Fußweg
Kochstraße U6, ca. 800m Fußweg

Vielleicht der Palindrompunkt für Berlin-Touristen schlechthin. Schräg gegenüber davon liegt nämlich der Berliner Ballon- und Mauergarten mit allem, was das Herz begehrt: Souvenirs, Imbiss, Cafés, Eis, Motorroller- und Fahrradverleih, Trabi-Touren etc. Das Entscheidende ist wahrscheinlich aber der Hi-Flyer, ein Fesselballon, mit dem man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt und besagten Punkt genießen könnte. Der liegt nämlich auf dem Dach des Bundesfinanzministeriums ;) Genauer gesagt - das 4. Dachfenster von links:Eine direkte Ortung ist hier also völlig ausgeschlossen. Selbst wenn der Wind günstig auf Nordwest stünde ;) Viel näher als hier zu sehen kommt man dem Punkt nicht:

Informationen zum Projekt:
- Hintergrund: im Artikel "be Berlin!" vom 27.6.2008
- Methodik: im Artikel "GPS-Palindrome: Praxistest" vom 10.7.2008
___________________
* Innenstadtparkzone: Mo-Sa, 9-22 Uhr, 0,50€/15min

GPS-Palindrome in Berlin: Spittelmarkt


52°30'42.31" N 13°24'03.25" E
10117 Mitte
Kleine Kursstraße/Niederwallstraße




Empfehlung: für Touristen
Auto: Leipziger Str. (Parkgebühren*), ca. 100m Fußweg
BVG: Spittelmarkt, U2, Bus M48, ca. 200m Fußweg

Dieser Punkt liegt zwischen Gendarmenmarkt und Nikolaiviertel an der Leipziger Straße. In unmittelbarer Nähe befinden sich ein vietnamesisches Restaurant, der Spindlerbrunnen und ein kleiner Park mit Spielplatz:
Die Ortung ist hier durch Hochhäuser und Bäume erschwert und fällt dementsprechend "chaotisch" aus:
Ein manueller Wegpunkt ließ sich aber immerhin noch auf 50cm genau setzen.

Informationen zum Projekt:
- Hintergrund: im Artikel "be Berlin!" vom 27.6.2008
- Methodik: im Artikel "GPS-Palindrome: Praxistest" vom 10.7.2008
______________________
* Innenstadtparkzone: Mo-Sa, 9-22 Uhr, 0,50€/15min

Samstag, 12. Juli 2008

GPS-Palindrome in Berlin: am Q1


52°33'03.31" N 13°30'33.25" E
13053 Lichtenberg
Parkplatz Wartenberger Straße
gegenüber vom Q1





Empfehlung: für Anwohner
Auto: Parkplatz Wartenberger Straße, 10m Fußweg
BVG: Gehrenseestraße M5, M17, 30m Fußweg


Nicht sehr ansehnlich, aber gut erreichbar und mit Imbissbude in der Nähe ;)

Auch hier ein direkter Treffer:
Leider sind die Ortungen so instabil, dass man es nicht schafft, währenddessen den Fotoapparat zu zücken und abzudrücken. Daran muss ich noch arbeiten ;)

Informationen zum Projekt:
- Hintergrund: im Artikel "be Berlin!" vom 27.6.2008
- Methodik: im Artikel "GPS-Palindrome: Praxistest" vom 10.7.2008

GPS-Palindrome in Berlin: Falkenberger Chaussee


52°34'13.31" N 13°31'43.25" E
13057 Lichtenberg
Grünfläche am Hauptweg







Empfehlung: für Anwohner
Auto: Hauptweg, ca. 50m Fußweg
BVG: Falkenberg M4, M17, Bus 197, ca. 50m Fußweg

Keine besonderen Sehenswürdigkeiten ... ein paar Sträucher am Rande der Endhaltestellenschleife der Straßenbahn:
Dafür aber mal ein direkter Treffer:

Informationen zum Projekt:
- Hintergrund: im Artikel "be Berlin!" vom 27.6.2008
- Methodik: im Artikel "GPS-Palindrome: Praxistest" vom 10.7.2008

GPS-Palindrome in Berlin: ein Spielplatz


52°34'33.31" N 13°33'43.25" E
12689 Marzahn-Hellerdorf
Spielplatz Kemberger Straße







Empfehlung: Familienausflug mit Kindern
Auto: Belziger Ring, ca. 200m Fußweg
BVG: Bus 197 Belziger Ring, ca. 200m Fußweg


Ein Spielplatz, bei dem auch etwas für die Erwachsenen dabei ist:
Gut getroffen - direkt auf der Oberseite dieser Holzskulptur liegt der Palindrompunkt ;)

Die Logaufzeichnung hat ihn wohl erwischt - manuell war er aber wegen schnell schwankender Werte nicht greifbar: um 3 Meter verpeilt ...


Informationen zum Projekt:
- Hintergrund: im Artikel "be Berlin!" vom 27.6.2008
- Methodik: im Artikel "GPS-Palindrome: Praxistest" vom 10.7.2008

GPS-Palindrome in Berlin: Gehrensee


52°34'33.31" N 13°33'43.25" E
13057 Lichtenberg
Gehrensee
Stadtrand, Höhe Ahrendsfelder Chaussee





Empfehlung: für Naturfreunde
Auto: Kundtanger, ca. 200m Fußweg
BVG: S7 Ahrensfelde, ca. 800m Fußweg

Am nördlichen Ende einer großen Brachfläche liegt die Erholungslandschaft Gehrensee mit dieser Aussichtsplattform:
Vom Podest aus könnte man direkt auf den Palindrompunkt blicken - er liegt ca. 30 Meter voraus im See ;) Wo genau, ist bei dieser Aussicht allerdings bald schon Nebensache:
Am abgezäunten Uferbereich liegt die maximale Annäherung bei ungefähr 12 Metern:

Informationen zum Projekt:
- Hintergrund: im Artikel "be Berlin!" vom 27.6.2008
- Methodik: im Artikel "GPS-Palindrome: Praxistest" vom 10.7.2008

GPS-Palindrome in Berlin: Am Wuhlewanderweg


52°31'53.31" N 13°35'13.25" E
12683 Marzahn-Hellerdorf
Landschaftspark Marzahn
an der Wuhle, Nähe Wuhleteich






Empfehlung: Wanderer, Naturfreunde
Auto: Feldberger Ring, ca. 600m Fußweg
BVG: U5 Neue Grottkauer Str., ca. 1km Fußweg



Landschaftlich wunderschön am Wuhlewanderweg gelegen. Man begibt sich auf die westliche Uferseite und passiert den Wuhleteich mit Blick auf den Kienberg:
Von da aus sind es ein paar Schritte nordöstlich. Der Punkt liegt dort ein paar Meter linksseitig des Weges im sumpfigen Schilf eines nicht verzeichneten Gewässers. Dieser Palindromexpedition sei's gedankt - es handelt sich um den Fabianteich ;)
Eine direkte Annäherung gelingt hier leider nicht. Man kommt nur auf etwa zwei Meter heran ...
... mit Gummistiefeln vielleicht auch etwas näher ;)


Informationen zum Projekt:
- Hintergrund: im Artikel "be Berlin!" vom 27.6.2008
- Methodik: im Artikel "GPS-Palindrome: Praxistest" vom 10.7.2008

Donnerstag, 10. Juli 2008

GPS-Palindrome: Praxistest


Palindrome GPS-Koordinaten sind theoretisch ein schönes Thema. Nur wie sieht's damit in der Praxis aus: kann eine solch hochpräzise Lokalisierung überhaupt in natura gelingen?
Ich wollte das einmal selbst ausprobieren und habe mich nach einem bezahlbaren Gerät umgesehen, das dabei helfen könnte: einem GPS-Datenlogger, der Gradangaben in Zehntelsekunden erfassen kann. Das ist etwas genauer als das beim Geocaching übliche Format und würde palindrome Koordinaten in dieser Form ermöglichen:
Schon die ersten Versuche erwiesen sich als vielversprechend. Die folgenden Abbildungen zeigen die aufgezeichnete Annäherung an markante, im Vorfeld festgelegte Testpunkte:















Unter Idealbedingungen fand der Holux M-241 die Positionen auf Anhieb auf die erste Nachkommastelle genau. Das verbleibende Zielsuchgebiet umfasst damit nur noch ungefähr 1x3 m. Das Ringen um die letzte Nachkommastelle gestaltet sich dann zwar immer noch schwierig, scheint aber nicht völlig unmöglich zu sein:


Die Flagge markiert hierbei das naheliegendste Ergebnis, dessen ich heute (als GPS-Neuling!) habhaft werden konnte. Für eine perfekte Übereinstimmung braucht es wohl noch etwas Glück und Übung. Mal schaun ;) Denkbar wäre ja so etwas wie eine Serie über Berlins interessanteste Palindrom-Koordinaten ...

Voilà ;)

Für Touristen:

Für Naturfreunde:

Für den Familienausflug:

Für Stille und Gedenken:

Für Anwohner:

Freitag, 27. Juni 2008

be Berlin!

"Berlin wird von den Menschen hier gemacht. Also sollte auch eine Berlinkampagne von Berlinern gemacht werden. Und so soll sie auch umgesetzt werden. Geschichten von Menschen, die hier leben und die Stadt bewegen, kombiniert mit dem selbstbewussten Aufruf be Berlin/sei Berlin sind Inhalt und Leitmotiv der Kampagne."
Eigentlich hätte man gar nicht so weit schweifen brauchen, um eine interessante Berlin-Werbebotschaft zu finden. Im Motto der Hauptstadtkampagne verbirgt sich nämlich ein wunderbares Palindrom, das in Richtung "Spree-Athen" geht:


Der Anglizismus bewahrt in diesem Fall sogar vor Schlimmerem:


















Wem das vielleicht als Grund erscheint, nach Berlin zu ziehen - neben der Postleitzahl 12621 (Kaulsdorf) gäbe es einige Regionen, die sich für Palindromfans anbieten würden:

Nenne Kreuzberg: Azubi-Lametta, Bar-Rabatte. Malibu/Zagreb zu erkennen.
Vita lerne: trag Reittiere. Bereit? Tiergarten relativ.
Regelbarem Mitte nett: immer Ableger.
Sold neu Steglitz tilget: suendlos.
Wo knapp? Pankow.

Zu weitläufig? Zu wenig exklusiv? Bitte sehr - hier die palindromen Topadressen Berlins ;)

Gewuehl: Heuweg.
Wo tagt Lametta Sattem? Alt-Gatow.
Rhumeweg. Atelier? Ereile Tage, wem Uhr.
Ob Marmaraweg? Ulk rede der Kluge. War am Rambo.
Nee, die Kruggasse Tarnung? Nun rat es: sag Gurke Ideen.
Nenne Kreuzgraben. Regie Bad dabei gerne barg. Zu erkennen.
Remittiert Stimmige, war obligat agil: Boraweg. Im Mitstreit Timer.
Lebensader: Hellebergeweg als Lage. Wegrebell ehre das. Nebel.
Heide genug: als Krumme Gärten hast Sahne. Trägem Murks Lagune gedieh.
Adressierbar und nenn irre Ziele: Bürgerablage! Egal, bare Grübelei zerrinnend. Nur Abreisser da.


Wenn das noch nicht reicht - da wären noch etliche Punkte in der Stadt, deren geographische Lage palindrome Koordinaten ergibt, z.B. Bei der klassischen Schreibweise entstünde ein sonderbares Verteilungsmuster:


Soweit die theoretische Voraussage ;) Wollte man diese Punkte tatsächlich aufsuchen, erlebte man eine Überraschung. Bei vielen Navigationsgeräten und Outdoor-GPS-Empfängern ist nämlich ein anderes Format voreingestellt, das mit Dezimalminuten arbeitet:
Das hätte wiederum ein eigenes mathematisches und geographisches Verteilungsmuster zur Folge:


Und damit nicht genug ;) Einige Geräte beherrschen darüber hinaus noch ein drittes Format mit Dezimalgraden:
Damit ließe sich die Stadt dann flächendeckend mit einem feinmaschigen Netz an Palindromkoordinaten überziehen.
Wer das mit den "GPS-Palindromen" einfach mal ausprobieren möchte, sollte sich in das Gebiet zwischen den U-Bahnhöfen Reinickendorfer - und Schwartzkopffstraße begeben. Dort scheinen Koordinaten verschiedenster Formate am Dichtesten beisammen zu liegen:


nur wenige Schritte auseinander ...
52° 32' 22.31''
N 13° 22' 23.25'' E
52° 32.231' N 13° 22.325' E
52.537331° N 13.373525° E

Die spannende Frage ist, ob und wie sich solche präzise verorteten Punkte überhaupt zur Anzeige bringen lassen. Sie liegen ja weit unterhalb der Feinauflösung des GPS-Systems. Je nach verwendetem Format bedeutete die geringste Abweichung von den Zielkoordinaten theoretisch:
- bei Dezimalsekunden ± 0,01'' = ca. 20 - 30 cm
- bei Dezimalminuten ± 0,001' = ca. 100 - 200 cm
- bei Dezimalgrad ± 0,000001° = ca. 8 cm
Innerhalb einer zu erwartenden Ortungsgenauigkeit von etwa 15 Metern käme das praktisch der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleich ;)

Fortsetzung: GPS-Palindrome Praxistest

Samstag, 14. Juni 2008

Nazar Honcar: Lies Dich


Hončar, Nazar: Lies Dich.
Performative Dichtungen

Leykam Buchverlag 2008, 102 Seiten
ISBN 978-3-7011-7636-6







Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Gedichte, Einzeiler-Komposite, Wortbild, Magisches Quadrat
Empfehlung: für Liebhaber experimenteller Lyrik


"Kern der Arbeiten Hončars sind Sprachspiele wie Anagramme, Palindrome, Ambigramme und Bildgedichte. In diesen verstricken sich sprachenübergreifende Homophone und Lettern aus allen Alphabeten mit Bildern aus Hončar eigener autistischer "Schlaf-Welt". Dabei geht es ihm weniger um eine Vermittlung; das Spiel genügt dem Spiel(enden) völlig."

[Update 2/2009] demnächst erscheinend:

Nazar Hontschar / Iwan Lutschuk:
Ne zduru guru dzen / Weles - se lew

88 Seiten, ISBN 978-9-6610-0367-4

Das Buch enthält ukrainische Palindromtexte und wurde von den Autoren jeweils zur Hälfte verfasst. Der Titel bedeutet übersetzt: "Nicht - vor Dummheit - Guru - Zen / Weles - [das ist] Löwe". Herzlichen Dank an Nazar Hontschar für diese Information!




[Update 6/2009] Der Mailkontakt mit Nazar währte leider nur kurz. Mit Betroffenheit vernahm ich im Mai 2009 die Nachricht von seinem Unfalltod. In memoriam ...

Über Nazar Hontschar (1964 - 2009):

Mittwoch, 4. Juni 2008

Erscheinungsformen von Palindromen in der Literatur


So beschränkt das bei Palindromen zugrunde liegende Spiegelprinzip auch scheint, in ihrem Gebrauch und Variantenreichtum erweisen sie sich als äußerst vielseitig. Breitete man eine literarische Landkarte vor seinem geistigen Auge aus, fände man darauf jedoch nur vereinzelte Punkte, die weit verstreut liegen. Es zeigt sich darin keine einheitliche Entwicklungslinie, eher ein Sprachphänomen, das quer durch die Jahrhunderte und Gattungen geistert. Ein weitläufiges Areal mit spärlichen Fundorten. Dieser Wegweiser kann dabei helfen, das Augenmerk gezielt in verschiedene Richtungen zu lenken:
1. Organisation (Buchstabe, Silbe, Wort, Satz)
2. Aufbau (Einzeiler, Strophe, Fließtext)
3. Verwendung (exemplarisch, systematisch)
Für spannende Überschneidungen sorgen die Palindrome auf ihren verschlungenen Pfaden dann schon von selbst.


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1. Organisation
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  • Buchstabe
Die Betrachtung dieser kleinsten sprachlichen Einheit ist die klassische und meistbedachte Variante bei Palindromen. Ein Eigenbeispiel:
Rüttle wonnige Behänge. Wegnähe, Beginn: O Welttür!
  • Silbe
Palindrome Gebilde, die auf der Silbentrennung fußen:
entreinigt nur ferkelei zum federkasten! oder gardinenweiden
sapphisch, denn tadelvokal! [ ] kahl wo delta den fisch sah - den
weinen die gar der osten kaderfee zum leihkäfer, nur nicht
reihend

(Oskar Pastior, 1990, 1)
  • Wort
Bei Wortpalindromen kommt es zu einer umgekehrten Wiederholung des Gesagten. Ein Beispiel aus der konkreten Poesie:
tau
taub
taube
taub
tau

(Friedrich Achleitner, 1972, 2)
  • Satz
Satzpalindrome bestehen aus einer spiegelbildlichen Anordnung der Zeilenfolge. Als Stilmittel fand dieses Prinzip bereits im Mittelalter Anwendung, z.B. bei Walther von der Vogelweide (L 87,1 - 88,8) oder in der Carmina Burana:
Chume, chume, geselle min,
ih enbite harte din!
ih enbite harte din,
chum, chum, geselle min!

(anonymer Verfasser, Text um 1230, 3)



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2. Aufbau
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  • Einzeiler
Solitäres Satzpalindrom oder Verbund von einzelnen Zeilen, die in und für sich palindrom sind:
not ton
egal plage
ein trostsort nie
eine freude duerfe nie
nie mein amora aroma nie mein

(Ada Fischer, ca. 1970, 4)
  • Strophe
Mehrzeiliger Satzverbund, der in sich palindrom ist:
Segne edle Melodien!
Hole Bier! Fege Wege frei!
Belohne Idole! Melde Enges!

(Herbert Pfeiffer, 1992, 5)
  • Fließtext
Ein fortlaufender Satzverbund, der in sich palindrom ist. Findet man z.B. als Wörterpalindromblock bei Oskar Pastior (Kopfnuß Januskopf) oder längeren Texten (s. Prosa).



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3. Verwendung
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  • exemplarisch
Palindrome als inhaltlicher Bestandteil von Texten. In dieser Funktion erscheinen sie z.B.

- kontemplativ in einem Sinngedicht:
Mensch/ wilt du wissen was dein Leben?
So merck das Wörtlin Leben eben:
Liß es ruck/ so würstu sehen/
Was es/ und wie es thut vergehen.

(Georg Rodolf Weckherlin, 1641, 6)

- verhüllt im Rätsel:
Vorwärts herrsch' ich in des Waldes Hallen;
Jüngling, reitze nicht des Starken Wut!
Hörst du nicht der Göttin Klage schallen
Um des Schönsten rinnend Purpurblut?
Aber rückwärts wink' ich freundlichen allen,
Biete süsse Frucht und Lebensglut.
Cypris selbst gesteht, dass ich die Küsse
Ihrer Rosenlippen noch versüsse.

(Friedrich Kind, 1808, 7, Lösung: Eber - Rebe)

- illustrativ in einer Predigt:
Das Wörtel Satan zurück gelesen heißt natas, und wohl, denn wenn du dem Satan traust, natas, schwimmst du in deinem Untergang. Das Wörtel Atlas zurück gelesen heißt Salta, und füglich, denn steigst du hoch, willst ein hoher Berg Altas sehn, so springst und fallst du in die Tiefe deines Verderbens. Das Wörtel Annam heißt zurück Manna, ist wahr, manche Annam halt einer für sich wie eine Manna, findt aber, daß es bald fault und stinkt. Das Wörtel Löffel zurück gelesen heißt wieder Löffel; heißt wohl Löffel hin, Löffel her, so hast du keinen Löffel mehr.

(Abraham a Sancta Clara, um 1700, 8)

- unterhaltsam in einer Erzählung:
»aber unser Leben«, setzt' er hinzu, »ist, wenn es vorbei ist, ein Nebel gewesen - buchstabieren Sie Leben rückwärts, so kommt Nebel heraus.« Diese Retour-Fracht des Worts setzte den alten Sechser ins größte Erstaunen - »Ich möchte nur wissen, wie man auf so was fallen kann«, sagt' er und brummte. Leben Nebel, Nebel Leben. »Ja lieset man«, setzt' ich dazu, »Nebel rückwärts, so kommt wieder Leben heraus.« - »Ganz natürlich«, sagte Zeitmann.

(Jean Paul, 1799, 9)

- als Wortspiel:

Lieb: Beil
Es ist kein Pfeil/ kein Feur / kein Seegen oder Zangen /
Es ist ein hauend Beil / die Lieb und ihr Verlangen.

(Georg Philipp Harsdörffer, 1643, 10)

  • systematisch
Palindrome als Struktur bildender Bestandteil von Texten:

- Magisches Quadrat

Ein Buchstabengebilde, das auch in der Vertikalen vor- und rückwärts lesbar ist:
M A R K
A M O R
R O M A
K R A M

(August Schmidt, 1871, 11)

- Kaskade

Ist eine systematische und fortschreitende Auflistung möglicher Variationen innerhalb eines feststehenden Themas. So gelingt es z.B. Anton Bruhin in einem Buch(12) tausende von Zwischenstücken in das palindrome Schema "Reih [...] hier" einzufügen:
Reihe hier.
Reihere hier.
Reihe je hier.
[... ca. 500 Seiten ...]
Reihe Bahn eine Amur-Forelle, Teller of Rumaenien habe hier.
Reihe Beule dem Lahmen neu, duennem Halm edel uebe hier.
Reihere Iberer hemdlos Mitte Bett im Sold mehrere Biere hier.

- Lyrik

Die Geschichte palindromer Lyrik erscheint als ein stetes Ringen mit dem für unmöglich Gehaltenen. Stand anfänglich die Eignung als Sprachmaterial noch grundsätzlich in Frage, verlagerte sich der Schwerpunkt der Bemühungen später auf die daraus erwachsenden Gestaltungsmöglichkeiten:
Ab 1957 innovative Wortschöpfung (André Thomkins, Reinhard Koehler: Contratexte, Ada Fischer: Mord in Palindrom)
Ab 1990 komplexe Textformung (Oskar Pastior: Kopfnuß Januskopf, Herbert Pfeiffer: Oh Chello voll Echo, Anton Bruhin: Spiegelgedichte)


- Prosa

Palindrome Prosa ist das Resultat neuerer Bestrebungen, literarische Möglichkeiten auch jenseits des Gedichts zu untersuchen. Solche "Mega-Palindrome", die über eine Seite hinausgehen, findet man z.B. bei Herbert Pfeiffer (Oh Chello voll Echo) und Brigitta Falkner (Tobrevierschreiverbot).


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Literaturverzeichnis:

1 Oskar Pastior: Kopfnuß Januskopf. Gedichte in Palindromen. München: Carl Hanser, 1990. S. 70
2 Eugen Gromringer (Hrsg.): Konkrete Poesie. Stuttgart: Reclam jun., 1972. S. 11
3 Carmina Burana 174 a
4 Ada Fischer: Mord in Palindrom. Bonn: Amöben-Presse, o.J. [ca. 1970], o.S. [Passage aus "reiznunedenunzier"]
5 Herbert Pfeiffer: Oh Chello voll Echo. Palindrom-Gedichte. Frankfurt a.M./Leipzig: Insel-Verlag, 1992. S. 45
6 Georg Rodolf Weckherlin: Gaistliche und Weltliche Gedichte. Amsterdam: Jansson, 1641
7 Friedrich Kind: Gedichte. Leipzig: Johann Friedrich Hartknoch, 1808. S. 209
8 Abrahams a St. Clara Sämmtliche Werke. Passau: Friedrich Winkler, 1836. S. 531
9 Jean Paul: Briefe und bevorstehender Lebenslauf. Gera und Leipzig: W. Heinsius, 1799. S. 208
10 Georg Philipp Harsdörffer: Gesprachspiele : So Bey Ehrn- und Tugendliebenden Geselschaften außzu üben. Dritter Theil. Nürnberg: Endter, 1643
11 Edgar Aalborg (Hrsg.): Wie amüsieren wir unsere Gesellschaft. Zweite Abteilung. Wer errät's? Stuttgart: Levy & Müller, o.J. [um 1900]. S. 194
12 Anton Bruhin: Reihe hier. 500 Typogramme und 10000 Palindrome. Basel: Urs Engeler Editor, 2005. S. 3 und 502

Freitag, 9. Mai 2008

Schopenhauer und die Palindrome


Seit dem Mittelalter hatten sich Menschen mit dem Aufspüren und Sammeln vereinzelter Palindrome beschäftigt, bis irgendwo im 19. Jahrhundert etwas Entscheidendes geschah: die Geburt des allerersten Palindromsatzes.

Ein Übergang vom bloßen Anhäufen hin zur Verwendung als Sprachmaterial, der deshalb bemerkenswert ist, weil sich ein solches Potential aus den wenigen damals bekannten Palindromen nur schwerlich erahnen ließ.

Ein Geistesblitz also, der durchaus eines Philosophen würdig war. So verwundert es niemand, dass vielfach Arthur Schopenhauer (1788-1860) als wahrscheinlicher Entdecker von Palindromen gilt, die zu seiner Zeit aufkamen wie 'Reliefpfeiler' und 'Marktkram'.






Im handschriftlichen Nachlass von Arthur Schopenhauer befinden sich u.a. Materialien zu einer Abhandlung "über den argen Unfung, der in jetziger Zeit mit der deutschen Sprache getrieben wird", in denen er gegen die damalige Sprachverhunzung zu Felde zieht:
"Die Vollkommenheit einer Sprache besteht darin, daß in ihr jeder Gedanke genau und deutlich, mit allen seinen Nüancen und Modifikationen, sowohl auf grammatischem, als lexikalischem Wege, ausgedrückt werden kann. Diese Vollkommenheit der deutschen Sprache zu rauben ist die Legion unserer hirn- und geschmacklosen Verballhorner derselben bemüht, mittelst Elimination ganzer temporoum (Perfekt, Plusquamperfekt, 2tes Futurum), Wegschneidung der Präfixa, Suffixa, Affixa, Substituierung des kürzeren Wortes für das richtige, sinnlose Zusammenkleisterung zweier Worte, und was dergleichen Streiche mehr sind, welche zwar wenig Verstand, aber viel Dummdreistigkeit erfordern. [...] Ohne eine Ahnung davon, daß das Treffende, Bezeichnende, Genaue des Ausdrucks es ist, worauf es ankommt, sind sie bloß bemüht, Silben und Buchstaben abzuzählen, bereit, sich in allen Fällen mit dem à peu près zu contentiren und dem Leser Einiges zu errathen übrig zu lassen, wenn es nur ein paar Buchstaben weniger giebt. Dahin geht all ihr Denken und Trachten, und jeder Sudler legt, ohne Umstände, seine Tatzen an, die deutsche Sprache zu verbessern. [...] Mir ist, als sähe ich unsere sämmtlichen Schriftsteller, jeden mit einer Scheere in der Hand herlaufen hinter der deutschen Sprache, um ihr irgendwo eine Silbe, wenigstens einen Buchstaben abzuknapsen."1
Es wäre sicher nicht nur eine gute Gelegenheit sondern auch tröstlich gewesen, hätte er an dieser Stelle auf Palindrome verwiesen. Denn diese bilden wenn man so will eine Schutzschicht mit und in der Sprache, die unangreifbar ist. Es ist ihre innere Ordnung, die Palindrome nahezu unzerstörbar macht: Otto, Anna, Egge, Retter. Wer an Spiegelwörtern rührt, kann dabei entweder nur neue erschaffen oder keine. So formte sich ein einzigartiges Sprachasyl, das jahrhundertelang Zeitgeist, Mode oder Rechtschreibreformen widerstand. Eine Form von Überdauerung also, die in diesem Zusammenhang sicher erwähnenswert wäre. Jedoch: Schopenhauer tat es nicht. Nicht hier oder sonst irgendwo. In seinen Werken sucht man Palindrome vergebens. Karl Günter Kröber schreibt in der Einleitung seines Buches "Ein Esel lese nie" dazu:
"Der Satz wird Schopenhauer zugeschrieben; ich habe ihn aber bei Schopenhauer nicht finden können, soviel auch seine fünfbändige Werkausgabe von vorne bis hinten und vom Ende bis zum Anfang durchgesehen habe."2
Warum er nicht fündig werden konnte, erhellt ein Artikel im Schopenhauer-Jahrbuch von 1948:
"Als Kuriosum sei dieser Zusammenstellung noch angefügt, daß Schopenhauer von Zeit zu Zeit immer wieder die Beschäftigung mit Palindromen zugeschrieben wird. Er wird u.a. als Entdecker des Wortes "Reliefpfeiler" bezeichnet, das sich rückwärts ebenso wir vorwärts lesen läßt. Seine Entdeckung soll nach dem Bericht von Fürst und Alexander Moszkowski (Buch der tausend Wunder, 1917 u. ö.) seinerzeit Aufsehen erregt haben. Die Herkunft dieser Behauptung hat sich bis heute nicht feststellen lassen. Julius Sauer, der sie im Frankfurter General-Anzeiger vom 30./31. Mai 1942, S. 7, aufgriff, berief sich (brieflich) auf eine alte Zeitung aus dem Jahre 1882, ohne nähere Angaben machen zu können. Neben dem Reliefpfeiler hat man Schopenhauer allmählich noch weitere Spiegelwörter zugeschrieben: „Er soll als erster die Spiegelung von ,Reliefpfeiler' und ,Marktkram' bemerkt und den schönen Satz" (G. Schäke: Spiegelwörter-Spielereien, Münchener Zeitung, 13. Mai 1933.)"3
Meine eigenen Nachforschungen verebben leider Ende des 19. Jahrhunderts. Beinhold Schmidt schrieb 1889 in "Oesterreichische Lesehalle":
"Die Entdeckung des oft angeführten Wortes R e l i e f p f e i l e r , welches in der That vor- und rückwärts gleichbleibt, wird dem schon erwähnten Schopenhauer zugeschrieben. Ferner soll auf einen Vorturner Redel, der während der Berliner Turnbewegung unter Vater Jahn im ersten Viertel unseres Jahrhunderts gelebt und sehr gegen die damals aufgekommenen Turngürtel geeifert habe, weil sie die freie Bewegung der Bauchmuskeln hinderten, das Palindrom erschienen sein: Ein Ledergurt trug Redel nie. Ohne jedes Ursprungszeugniss läuft ein drittes um"4
1885 findet sich im Schwäbischen Postboten dieser Hinweis:
"Gegenwärtig ist eine Suche nach Wörtern und Sätzen entstanden, welche vorwärts und rückwärts gelesen dasselbe Resultat geben. Nachdem auf dem Dresdner Turnfest der selige "Redel mit dem Ledergurt" wieder ausgegraben worden war, nachdem auch Schopenhauers "Reliefpfeiler" wieder auferstand, erfreut ein Korrespondent der "Straßb. Post" Anhänger dieser Sports mit folgendem "zeitgemäßen" Satze"5
1880 deutet die Augsburger Zeitung an, dass sich im Zusammenhang mit dem 20. Todestag Anekdoten über Schopenhauer verstärkten:
"Die Wiederkehr des Todestages Schopenhauer's veranlaßt deutsche Blätter, verschiedene Anekdoten aus dem Leben des großen Philosophen aufzuschreiben: [...] Wenige wissen, obschon eine Notiz darüber in einem seiner Werke vorkommen soll, daß Schopenhauer der Entdecker einer hübschen Buchstabenspielerei ist, der nämlich, daß das Wort "Reliefpfeiler", rückwärts gelesen, ebenfalls "Reliefpfeiler" lautet, eine Curiosität, wie sie wohl kein fünfsilbiges Wort einer anderen Sprache auzuweisen vermag."6
1880 gibt es einen einmaligen und belegbaren Quellenbezug. Edmund von Hagen schreibt in Deutsche Sprachweisheit in einer Fußnote:
"Andererseits geben auch umgekehrt einige Wörter, von hinten gesehen, zu seltsamen neuen oder auch üblichen Wörtern Veranlassung. So wird z.B. aus Zieg Geiz. Ungenau aber ist, wenn Arthur Schopenhauer (Parerga und Paralipomena, Bd. 2, § 313, 2. Aufl., S. 615) schreibt: "Es ist doch seltsam, dass Geiß das umgekehrte Zieg ist." Allerdings ist es witzig."7
Aufzeichnungen vor dieser Zeit sind mir bislang nicht bekannt. Bleibt fürs Erste festzuhalten: Arthur Schopenhauer scheidet damit als Schöpfer des ersten Palindromsatzes aus. Wenn er es aber nicht war, wer dann, der die Schwelle hin zur Moderne überschritt? Falls Sie Hinweise darauf haben, schreiben Sie mir bitte.
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1 Frauenstädt, Julius (Hrsg.): Aus Arthur Schopenhauer's handschriftlichem Nachlaß. Leipzig: F.A. Brockhaus. 1864. S. 60f
2 Kröber, Karl Günter : Ein Esel lese nie. Mathematik der Palindrome. Reinbeck: Rowohlt. 2003. S. 13f
3 Hübscher, Arthur (Hrsg.): XXXII. Schopenhauer-Jahrbuch. Für die Jahre 1945-1948. Bad Oeynhausen, Leipzig, Frankfurt: Lutzeyer. 1948. S. 198
4 Lehner, Hermann: Oesterreichische Lesehalle: Monatsschrift für Unterhaltung und Belehrung. Ausgabe 9. 1889. S. 132
5 Der schwäbische Postbote. Feuilleton zur Neuen Augsburger Zeitung. Neunzehnter Jahrgang. 1885. Nr. 99. 19. August 1885. S. 652
6 Neue Augsburger Zeitung. Zweites Blatt. No 228. 30. September 1880. S. 10
7 Edmund von Hagen: Deutsche Sprachweisheit. Etymologische Aphorismen. Hannover. Carl Schüßler. 1880. S. 18