Mittwoch, 25. Juli 2007

Konrad von Würzburg: Aus der Goldenen Schmiede


Wackernagel, Wilhelm: Deutsches Lesebuch.
Erster Theil. Altdeutsches Lesebuch.
Poesie und Prosa vom IV. bis XV. Jahrhundert

Basel, Druck und Verlag der Schweighauserischen Verlags-Buchhandlung 1859, 1348 Seiten







Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Erwähnung

Konrad von Würzburg war ein mittelhochdeutscher Dichter, der von 1230 bis 1281 lebte. Überliefert sind neben Lyrik, Epen und Versnovellen auch seine Marienpreisung "Die goldene Schmiede", die um 1280 entstand. Ein Auszug daraus ist in diesem Buch auf Seite 761f enthalten. Man findet darin eine Passage, in der das palindrome Thema "Ave - Eva" aufgegriffen wird:


Das hier vorgestellte Exemplar befindet sich im digitalisierten Bestand der Google-Buchsuche und ist dort vollständig online zugänglich.

Die Edda: Gudrunarkvida II. 22


Lüning, Hermann: Die Edda: Eine Sammlung altnordischer Götter- und Heldenlieder. Urschrift mit erklärenden anmerkungen, glossar und einleitung, altnordischer mythologie und grammatik
Zürich, Meter & Zeller 1859, 670 Seiten







Kategorie: Runen-Palindrom
Art: Interpretation

In diesem Buch findet sich auf Seite 424 ein interessanter Deutungsversuch zu einer Stelle im zweiten Gudrunenlied (Guðrúnarkviða önnur):

22
In das Horn hatten sie allerhand Stäbe
Röthlich geritzt; ich errieth sie nicht.
Den langen Lindwurm des Lands der Haddinge,
Ungeschnittne Aehre und Eingang von Tieren.


Hermann Lüning schreibt in einer Anmerkung dazu:
Die runen waren auf der inneren seite des horns eingeschnitten und erschienen ihr daher, durch das getränk hindurch, halb verschwimmend und "geröthet". [ ] der "lange haidefisch des Haddingialandes" ist eine umschreibung für "schlange" und damit meint Gudrun das runenzeichen [#1] (die rune sol, zeichen für S), die "ungeschnittene ähre" ist das runenzeichen [#2] (fe, F); der "rachen der thiere" ist das Runenzeichen [#3] (ur, U oder O). Diese drei zeichen, S, U (O), F ergeben das wort sof, schlaf [ ]; rückwärts gelesen ist es das wort fus, und beide Wörter zusammengesetzt sof - fus, zum schlaf geneigt, einschlummernd; Gudrun soll, durch die Wirkung des zaubers, ihren schmerz verschlummern, vergessen. Auf diese weise erklärt Liljegren (runlära p.10) diese Stelle, an welcher die Erklärer so viel herumgerathen haben.

(eckige Klammern mit Verweis auf randständige Runenabbildung von mir. Bei Lüning innerhalb des Textes)
Da die angesprochene Originalstelle in "Run-lära" (1832) ein Sator-Quadrat enthält, ist anzunehmen, dass Johan Gustaf Liljegren tatsächlich von einem Runen-Palindrom ausging.

Das hier vorgestellte Exemplar befindet sich im digitalisierten Bestand der Google-Buchsuche und ist dort vollständig online zugänglich.

Carmina Burana: 174a


Bartsch, Karl: Deutsche Liederdichter des zwölften bis vierzehnten Jahrhunderts.
Leipzig: Göschen 1864, 390 Seiten









Kategorie: Satzpalindrome (Zeilenspiegelung)
Art: mittelalterliche Liederdichtung

Die in der Carmina Burana gesammelten Texte entstanden im 11. und 12. Jahrhundert und wurden um 1230 niedergeschrieben. Darunter befindet sich mit der Nummer CB 174a auch dieses Lied eines namenlosen Verfassers, das eine palindrome Zeilenfolge aufweist. Jede Strophe erscheint in sich gespiegelt:


Komm, komm, mein Geliebter,
ich erwarte sehnsüchtig dich,
ich erwarte sehnsüchtig dich,
komm, komm, mein Geliebter!
Süsser, rosafarbener Mund,
komm und mache mich gesund,
komm und mache mich gesund,
Süsser, rosafarbener Mund!





Das hier vorgestellte Exemplar befindet sich im digitalisierten Bestand der Google-Buchsuche und ist dort vollständig online zugänglich.

Walther von der Vogelweide: L 87,1 - 88,8


Lachmann, Karl (Hrsg.): Die Gedichte Walthers von der Vogelweide.
Berlin: Reimer 1827, 228 Seiten









Kategorie: Satzpalindrome (Zeilenspiegelung)
Art: mittelalterliche Dichtung

Unter den Werken von Walther von der Vogelweide findet sich in den Sprüchen der Jahre 1205 bis 1220 ein Text, in dem jede Strophe eine spiegelbildliche Zeilenfolge aufweist:

Es handelt sich um insgesamt 6 Strophen:
- Nieman kan mit gerten (L 87,1)
- Hüetent iuwer zungen (L 87,9)
- Hüetent iuwer ougen (L 87,17)
- Hüetent iuwer ôren (L 87,25)
- Hüetent wol der drîer (L 87,33)
- Nieman ritter wesen mac (L 88,1)
die bei der Bibliotheka Augustana auch in besserer Qualität nachzulesen sind.


















Das hier vorgestellte Exemplar befindet sich im digitalisierten Bestand der Google-Buchsuche und ist dort vollständig online zugänglich.

Mariensequenz aus Muri


Wackernagel, Wilhelm: Deutsches Lesebuch.
Erster Theil. Altdeutsches Lesebuch.
Poesie und Prosa vom IV. bis XV. Jahrhundert

Basel, Druck und Verlag der Schweighauserischen Verlags-Buchhandlung 1859, 1348 Seiten







Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Anklang

In diesem Buch findet sich auf Seite 259f ein Abdruck der um 1180 entstandenen "Sequentia de S. Maria". Deutlich wird, dass hier im Unterschied zum Melker Marienlied sowohl Ave als auch Eva Erwähnung finden. Ein direkter palindromer Bezug zwischen beiden scheint dabei aber nicht thematisiert zu werden:


Sie gegrüßt, leuchtende Maris Stella,
du Licht der Christenheit, Maria,
aller Jungfrauen Leuchte.

Freue dich, Gottes Gefäß, [...]
Sende in meine Sinne,
du Königin des Himmels,
wahre Rede, süß,
damit ich den Vater und den Sohn
und den hochheiligen Geist preisen möge.


Für immer Jungfrau,
Mutter ohne Makel,
Herrin, du hast gesühnt, was Eva zerstörte,
die auf Gott nicht hörte.
Hilf mir, edle Herrin,
tröste uns Arme durch die Ehre,
dass Gott dich vor allen Frauen
zur Mutter erwählte,
wie es dir Gabriel verkündete.







Das hier vorgestellte Exemplar befindet sich im digitalisierten Bestand der Google-Buchsuche und ist dort vollständig online zugänglich.

Melker Marienlied


Melker Marienlied
Melk, Bibliothek des Benedektinerstifts, Cod. 391 (486; I 1)
Handschrift eines unbekannten Verfassers









Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Anklang

Das Melker Marienlied gilt als das erste deutschsprachige. Es entstand vermutlich zwischen 1130 und 1160 in einem Kloster im bayerisch-österreichischen Raum und wurde durch die in Melk aufbewahrte Handschrift überliefert. In ihr heißt es an dieser Stelle:

"Eva brachte uns zweifachen Tod,
von denen einer immer noch herrscht.
Du bist das neue Weib, das uns das Leben brachte!
Der Teufel stiftete an zum Verderben,
dir verkündete Gabriel das Wort Gottes, heilige Maria!"

Darin spiegelt sich eine eng mit Palindromen verbundene religiöse Vorstellung wider, die bis in die heutige Zeit von Bedeutung ist:
"Dieser Zusammenhang von Erbsünde und Erlösung, von Eva und Maria kommt auch in dem kleinen Spiel zum Ausdruck, bei dem man Eva zuerst von vorne und dann von rückwärts liest. Dabei wird aus Eva Ave, der Anfang des Engelsgrußes an Maria. Auch der Hymnus “Meerstern ich dich grüße” verweist auf diesen Zusammenhang von Eva und Ave: “Sumens illud Ave...Mutans Evae nomen - Ave Mutter, wende Evas Namen!”1
Für das im Zitat angesprochene "Ave maris stella" ist eine deutsche Übersetzung aus dem 12. Jahrhundert belegt2:

Sie zeigt, was sich in den Umschreibungen beider Texte verhüllen könnte: ein lateinischer Palindromzusammenhang, der zwar bekannt war und gemeint wurde, im Ergebnis aber unausgesprochen zwischen den Zeilen stehen blieb, wenn die Autoren statt Ave sinngemäße Formulierungen wie "Worte Gabriels" oder "Gruß aus Engels Munde" verwendeten.

________________
1 Lang, Walter in: Der Fels 3/1997, Seite 68
2 in Kehrein, Joseph: Kirchen- und religiöse Lieder aus dem zwölften bis fünfzehnten Jahrhundert, Paderborn: Verlag von Ferdinand Schoeningh, 1853, Seite 50

Mittwoch, 18. Juli 2007

Richard Kirchlechner: Kunterbuntes


Kirchlechner, Richard: Kunterbuntes.
Wortspiele, Reime, Denksport

Auro-Verlag 2006, 3. Auflage, 318 Seiten
ISBN 3-00-019426-6




Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Einzeiler
Empfehlung: für Wortspiel-Fans
Wertung:




"Wortspiele, Reime, Denksport" ist durchaus als Gymnastiktrainer zu verstehen, der alle Denkmuskeln gleichermaßen im Blick hat. Da macht es nichts, dass Robert Kirchlechner im Palindrom-Parcours (S. 105f) vor allem solche Übungen vorstellt, die nicht überanstrengen: mehrere Dutzend Einzeiler, wie man sie vielfach im Internet findet. Sie vermitteln einen interessanten Eindruck von der Beliebtheit und Faszination dieses Themas. Es sind Zeugnisse jener Versuchung, der wohl jeder Palindrom-Fan früher oder später einmal erliegt: im Selbstversuch. So spiegelt sich in diesem Buch vor allem die Teilhabe und Kreativität einer zahlreichen Anhängerschaft wider: Palindrome als Volkssport.

Günter Nehm: Verspektiven


Nehm, Günter: Verspektiven.
Ausgewählt von Robert Gernhardt
Fischer Taschenbuch Verlag 2006, 123 Seiten
ISBN 3596172314




Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: im Verbund mit humoristischen Reimgedichten
Empfehlung: zur Erheiterung für alle Leser
Wertung:




Die Einschätzung fiel mir in diesem Fall nicht leicht. Nehms Satzpalindrome sind phantasievoll und gewissermaßen die Krönung der vorangestellten Reime:
Was macht der Klempner in der Not
bei knappen Röhrenangebot?
ER HORTET ROHRE

Das ist kurzweilig, unterhaltsam und witzig. Leider enthält diese Werkauswahl nur rund 20 Palindrom-Gedichte. Das erscheint mir etwas zu spärlich, um das Buch Palindrom-Fans uneingeschränkt ans Herz zu legen. Ich hoffe sehr, dass es von Günter Nehms Palindromen noch viel mehr gibt und diese einmal gesammelt in einer eigenständigen Ausgabe erscheinen werden. Verdient hätten sie es auf jeden Fall!

Über Günter Nehm (1926 - 2009):

Anton Bruhin: Reihe hier


Bruhin, Anton: Reihe hier.
500 Typogramme und 10000 Palindrome

Urs Engeler Editor 2005, 503 Seiten
ISBN 3-905591-91-X

Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Mega-Kaskade aus Einzeilern
Empfehlung: zur Vertiefung für Palindrom-Fans
Wertung:

Yvonne Kuschel: Nie solo sein


Kuschel, Yvonne: Nie solo sein
und andere Palindrome
Edition Büchergilde 2005, 32 Seiten
ISBN 3-936428-45-X






Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Illustration/Cartoon (Originalgrafiken)
Empfehlung: für Liebhaber
Wertung: hochwertiges Sammlerstück


Interessierten Lesern gewährt das Online-Feuilleton von "Die Zeit" tiefere Einblicke:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10

Mittwoch, 11. Juli 2007

Anton Bruhin: Spiegelgedichte


Bruhin, Anton: Spiegelgedichte
und weitere Palindrome 1991-2002

Urs Engeler Editor 2003, 177 Seiten
ISBN 3-905591-62-6


Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Gedichte, Komposite und Kaskaden aus Einzeilern
Empfehlung: als Einstieg und zur Vertiefung für alle Leser
Wertung:

Karl Günter Kröber: Ein Esel lese nie


Kröber, Karl Günter: Ein Esel lese nie.
Mathematik der Palindrome
Rowohlt Taschenbuch Verlag 2003, 348 Seiten
ISBN 3-499-61576-2


Kategorie: Palindromzahlen
Art: Fachbuch
Empfehlung: für Mathematiker und Systemtheoretiker
Wertung aus Laiensicht:

Brigitta Falkner: Tobrevierschreiverbot


Falkner, Brigitta: Tobrevierschreiverbot.
Palindrome

Ritter-Verlag 1998, 2. Aufl., 143 Seiten
ISBN 3-85415-188-8


Kategorie: "palindromoide Pop-Art"
Art: Collage aus Dialogen, Comics und Fotos
Empfehlung: für Querdenker
Wertung:

Ernst-Jürgen Dreyer: Schielfleisch


Dreyer, Ernst-Jürgen: SCHielfleiSCH.
Meiendorfer Druck Nr. 33

fulgura frango 1995, Broschüre 16 Seiten
ISBN 3-88159-039-0






Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Wortschöpfungen, Einzeiler, Textkomposite
Empfehlung: für Liebhaber und Sammler
Wertung: Rarität (limitierte Auflage: 150 Exemplare)


Dreyers Palindrome gleichen Rohdiamanten. Auf den ersten Blick scheinbar ungeschliffen dem Leser übereignet, dass er sie selbst gegen das Licht halte, ihren Facettenreichtum zu erahnen. Bei manchen muss man deshalb ganz schön die Augen zusammenkneifen:


ragt
fahnenhaft
fahnenhaf { t
fahle Siege
Geiselhaft |
fahre du Asche
schauderhaf | t
Fahnenhorde
drohnenhaft!
| fahret Salz
lasterhaf | t
Fahne güldn und
lügenhaft,
| Fahne sei
riesenhaf } t
fahnenhaft
fahnenhaft
gar!


(aus IV., Seite 14 - farbliche Trennung von mir)

Ließe sich über die Lupenreinheit von |sch| auch trefflich streiten - eine solche Intarsienarbeit zeugt von Kunstfertigkeit. Im Unterschied zu anderen Autoren versteht Dreyer darunter jedoch nicht das Ausbreiten einer hochglanzpolierten Kollektion, die vergessen macht, welche Mühen damit verbunden waren. Seine Palindromsammlung kündet noch vom Entstehungsprozess und ist in ihren einzelnen Fragmenten oft nur soweit freipräpariert, dass man ihnen eigenhändig einen Spiegel vorhalten muss, sich von ihrer Echtheit zu überzeugen. Und das heißt für den Leser: nicht vertrauensseliger Konsument, sondern kritischer Entdecker! Eine Eigenbeteiligung, die gleichermaßen spannend wie anstrengend sein kann. 16 Seiten also, die es durchaus in sich haben.

>> Linktipp: Vorwort und Leseprobe (Seite 8/9) auf der Webseite des Verlags

Thomas Frechberger: Kalt Wien


Frechberger, Thomas: Kalt Wien.
Poeme, Gedichte, Palindrome
Monte Verita 1992, 129 Seiten
ISBN 3-900434-38-7






Kategorie: Buchstabenpalindrome
Art: Einzeiler
Empfehlung: für Lyrikfans
Wertung: Rarität (Auflage nahezu vergriffen)


Im Rückblick mag es fast als Wendepunkt erscheinen. Galten Buchstabenpalindrome über Jahrhunderte nur als rätselhafte Fragmente, werden sie im Ausklang des 20. Jahrhunderts gleich von mehreren Autoren als brachliegende Ressource entdeckt: Wortfügungen, die in ihrer Widerspenstigkeit nur schwer zu bezähmen sind. Neben Herbert Pfeiffer und Anton Bruhin gebührt dabei m.E. auch Thomas Frechberger die Ehre, als "Dompteur der ersten Stunde" genannt zu werden. Wie neu diese Entwicklung seinerzeit war, lässt sich erahnen, wenn man bedenkt, dass in dem Ende 1992 erschienenen Buch "Poetisches Abracadabra"1 bei palindromen Sätzen noch ausschließlich von den lateinischen aus Antike und Mittelalter die Rede ist und Schopenhauers. Ein historischer Bestand, der an zwei Händen abzählbar war.
Sogesehen müssen die 15 in "Kalt Wien" enthaltenen Satzpalindrome den Erwartungshorizont der damaligen Zeit um einiges überstiegen haben. Und sie können sich auch heute noch sehen lassen, z.B.:
Rat kennen hat Sinn, ist Ahnennektar. (S. 114)

Bemerkenswert ist auch, dass sie in eine Lyrik eingebettet sind, die - jugendlich, wortgewaltig und zornig - völlig im Kontrast zu der "Dichtung in Zeitlupe" steht, die Palindromen so eigen ist in ihrer Verlangsamung des Sagbaren. Was beides zu verbinden scheint, ist Frechbergers Hang zu Wortspielen: entfesselt in der Lyrik und gebändigt im Palindrom. Eine wirklich interessante Mischung!
_______________
1 hrg. von Joseph Kiermeier-Debre und Fritz Franz Vogel, DTV 1992, S. 147