Freitag, 9. Mai 2008

Schopenhauer und die Palindrome


Seit dem Mittelalter hatten sich Menschen mit dem Aufspüren und Sammeln vereinzelter Palindrome beschäftigt, bis irgendwo im 19. Jahrhundert etwas Entscheidendes geschah: die Geburt des allerersten Palindromsatzes.

Ein Übergang vom bloßen Anhäufen hin zur Verwendung als Sprachmaterial, der deshalb bemerkenswert ist, weil sich ein solches Potential aus den wenigen damals bekannten Palindromen nur schwerlich erahnen ließ.

Ein Geistesblitz also, der durchaus eines Philosophen würdig war. So verwundert es niemand, dass vielfach Arthur Schopenhauer (1788-1860) als wahrscheinlicher Entdecker von Palindromen gilt, die zu seiner Zeit aufkamen wie 'Reliefpfeiler' und 'Marktkram'.






Im handschriftlichen Nachlass von Arthur Schopenhauer befinden sich u.a. Materialien zu einer Abhandlung "über den argen Unfung, der in jetziger Zeit mit der deutschen Sprache getrieben wird", in denen er gegen die damalige Sprachverhunzung zu Felde zieht:
"Die Vollkommenheit einer Sprache besteht darin, daß in ihr jeder Gedanke genau und deutlich, mit allen seinen Nüancen und Modifikationen, sowohl auf grammatischem, als lexikalischem Wege, ausgedrückt werden kann. Diese Vollkommenheit der deutschen Sprache zu rauben ist die Legion unserer hirn- und geschmacklosen Verballhorner derselben bemüht, mittelst Elimination ganzer temporoum (Perfekt, Plusquamperfekt, 2tes Futurum), Wegschneidung der Präfixa, Suffixa, Affixa, Substituierung des kürzeren Wortes für das richtige, sinnlose Zusammenkleisterung zweier Worte, und was dergleichen Streiche mehr sind, welche zwar wenig Verstand, aber viel Dummdreistigkeit erfordern. [...] Ohne eine Ahnung davon, daß das Treffende, Bezeichnende, Genaue des Ausdrucks es ist, worauf es ankommt, sind sie bloß bemüht, Silben und Buchstaben abzuzählen, bereit, sich in allen Fällen mit dem à peu près zu contentiren und dem Leser Einiges zu errathen übrig zu lassen, wenn es nur ein paar Buchstaben weniger giebt. Dahin geht all ihr Denken und Trachten, und jeder Sudler legt, ohne Umstände, seine Tatzen an, die deutsche Sprache zu verbessern. [...] Mir ist, als sähe ich unsere sämmtlichen Schriftsteller, jeden mit einer Scheere in der Hand herlaufen hinter der deutschen Sprache, um ihr irgendwo eine Silbe, wenigstens einen Buchstaben abzuknapsen."1
Es wäre sicher nicht nur eine gute Gelegenheit sondern auch tröstlich gewesen, hätte er an dieser Stelle auf Palindrome verwiesen. Denn diese bilden wenn man so will eine Schutzschicht mit und in der Sprache, die unangreifbar ist. Es ist ihre innere Ordnung, die Palindrome nahezu unzerstörbar macht: Otto, Anna, Egge, Retter. Wer an Spiegelwörtern rührt, kann dabei entweder nur neue erschaffen oder keine. So formte sich ein einzigartiges Sprachasyl, das jahrhundertelang Zeitgeist, Mode oder Rechtschreibreformen widerstand. Eine Form von Überdauerung also, die in diesem Zusammenhang sicher erwähnenswert wäre. Jedoch: Schopenhauer tat es nicht. Nicht hier oder sonst irgendwo. In seinen Werken sucht man Palindrome vergebens. Karl Günter Kröber schreibt in der Einleitung seines Buches "Ein Esel lese nie" dazu:
"Der Satz wird Schopenhauer zugeschrieben; ich habe ihn aber bei Schopenhauer nicht finden können, soviel auch seine fünfbändige Werkausgabe von vorne bis hinten und vom Ende bis zum Anfang durchgesehen habe."2
Warum er nicht fündig werden konnte, erhellt ein Artikel im Schopenhauer-Jahrbuch von 1948:
"Als Kuriosum sei dieser Zusammenstellung noch angefügt, daß Schopenhauer von Zeit zu Zeit immer wieder die Beschäftigung mit Palindromen zugeschrieben wird. Er wird u.a. als Entdecker des Wortes "Reliefpfeiler" bezeichnet, das sich rückwärts ebenso wir vorwärts lesen läßt. Seine Entdeckung soll nach dem Bericht von Fürst und Alexander Moszkowski (Buch der tausend Wunder, 1917 u. ö.) seinerzeit Aufsehen erregt haben. Die Herkunft dieser Behauptung hat sich bis heute nicht feststellen lassen. Julius Sauer, der sie im Frankfurter General-Anzeiger vom 30./31. Mai 1942, S. 7, aufgriff, berief sich (brieflich) auf eine alte Zeitung aus dem Jahre 1882, ohne nähere Angaben machen zu können. Neben dem Reliefpfeiler hat man Schopenhauer allmählich noch weitere Spiegelwörter zugeschrieben: „Er soll als erster die Spiegelung von ,Reliefpfeiler' und ,Marktkram' bemerkt und den schönen Satz" (G. Schäke: Spiegelwörter-Spielereien, Münchener Zeitung, 13. Mai 1933.)"3
Meine eigenen Nachforschungen verebben leider Ende des 19. Jahrhunderts. Beinhold Schmidt schrieb 1889 in "Oesterreichische Lesehalle":
"Die Entdeckung des oft angeführten Wortes R e l i e f p f e i l e r , welches in der That vor- und rückwärts gleichbleibt, wird dem schon erwähnten Schopenhauer zugeschrieben. Ferner soll auf einen Vorturner Redel, der während der Berliner Turnbewegung unter Vater Jahn im ersten Viertel unseres Jahrhunderts gelebt und sehr gegen die damals aufgekommenen Turngürtel geeifert habe, weil sie die freie Bewegung der Bauchmuskeln hinderten, das Palindrom erschienen sein: Ein Ledergurt trug Redel nie. Ohne jedes Ursprungszeugniss läuft ein drittes um"4
1885 findet sich im Schwäbischen Postboten dieser Hinweis:
"Gegenwärtig ist eine Suche nach Wörtern und Sätzen entstanden, welche vorwärts und rückwärts gelesen dasselbe Resultat geben. Nachdem auf dem Dresdner Turnfest der selige "Redel mit dem Ledergurt" wieder ausgegraben worden war, nachdem auch Schopenhauers "Reliefpfeiler" wieder auferstand, erfreut ein Korrespondent der "Straßb. Post" Anhänger dieser Sports mit folgendem "zeitgemäßen" Satze"5
1880 deutet die Augsburger Zeitung an, dass sich im Zusammenhang mit dem 20. Todestag Anekdoten über Schopenhauer verstärkten:
"Die Wiederkehr des Todestages Schopenhauer's veranlaßt deutsche Blätter, verschiedene Anekdoten aus dem Leben des großen Philosophen aufzuschreiben: [...] Wenige wissen, obschon eine Notiz darüber in einem seiner Werke vorkommen soll, daß Schopenhauer der Entdecker einer hübschen Buchstabenspielerei ist, der nämlich, daß das Wort "Reliefpfeiler", rückwärts gelesen, ebenfalls "Reliefpfeiler" lautet, eine Curiosität, wie sie wohl kein fünfsilbiges Wort einer anderen Sprache auzuweisen vermag."6
1880 gibt es einen einmaligen und belegbaren Quellenbezug. Edmund von Hagen schreibt in Deutsche Sprachweisheit in einer Fußnote:
"Andererseits geben auch umgekehrt einige Wörter, von hinten gesehen, zu seltsamen neuen oder auch üblichen Wörtern Veranlassung. So wird z.B. aus Zieg Geiz. Ungenau aber ist, wenn Arthur Schopenhauer (Parerga und Paralipomena, Bd. 2, § 313, 2. Aufl., S. 615) schreibt: "Es ist doch seltsam, dass Geiß das umgekehrte Zieg ist." Allerdings ist es witzig."7
Aufzeichnungen vor dieser Zeit sind mir bislang nicht bekannt. Bleibt fürs Erste festzuhalten: Arthur Schopenhauer scheidet damit als Schöpfer des ersten Palindromsatzes aus. Wenn er es aber nicht war, wer dann, der die Schwelle hin zur Moderne überschritt? Falls Sie Hinweise darauf haben, schreiben Sie mir bitte.
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1 Frauenstädt, Julius (Hrsg.): Aus Arthur Schopenhauer's handschriftlichem Nachlaß. Leipzig: F.A. Brockhaus. 1864. S. 60f
2 Kröber, Karl Günter : Ein Esel lese nie. Mathematik der Palindrome. Reinbeck: Rowohlt. 2003. S. 13f
3 Hübscher, Arthur (Hrsg.): XXXII. Schopenhauer-Jahrbuch. Für die Jahre 1945-1948. Bad Oeynhausen, Leipzig, Frankfurt: Lutzeyer. 1948. S. 198
4 Lehner, Hermann: Oesterreichische Lesehalle: Monatsschrift für Unterhaltung und Belehrung. Ausgabe 9. 1889. S. 132
5 Der schwäbische Postbote. Feuilleton zur Neuen Augsburger Zeitung. Neunzehnter Jahrgang. 1885. Nr. 99. 19. August 1885. S. 652
6 Neue Augsburger Zeitung. Zweites Blatt. No 228. 30. September 1880. S. 10
7 Edmund von Hagen: Deutsche Sprachweisheit. Etymologische Aphorismen. Hannover. Carl Schüßler. 1880. S. 18

Samstag, 22. März 2008

Familienbande: Anagramme


Palindrome sind Anagramme mit Tunnelblick. Sie versagen sich dem umfassenden Wechselspiel der Buchstaben, indem sie stets nur eine einzige Möglichkeit von vielen in Betracht ziehen: die spiegelbildliche. Das ist ausgerechnet Spurtreue da, wo es eigentlich ums Entgleisen geht: um einen Seriencrashtest der Sprache. Jener investigativen Kunst also, möglichst viel aus dem Trümmerfeld pulverisierter Worte herauszulesen. Es ist diese Dechiffrierung im Verharren, an der Palindrome keinen Anteil haben oder nehmen. Unbeirrt ziehen sie ihre Bahn auch da noch weiter, wo das kombinatorische Betätigungsfeld längst ins Unermessliche wächst. Dank ihres vorgezeichneten Weges durchmessen sie diese Galaxien des Möglichen und bilden so etwas wie die "permutative Speerspitze" der Anagramme: überwinden Satzgrenzen und Absätze, gar ganze Kapitel. Für mich als Autor eine asketische Fernreise ins Ungewisse, in die sich manchmal auch Heimweh mischt. Nach irdischer Fülle und Überfluss:

Alles Sprechen und Schreiben heißt würfeln um den Gedanken.
Wie oft fällt nur ein Auge, wenn alle sechs fallen sollten.
Friedrich Hebbel

Buchstäblich hinter die verborgenen Seiten der Worte zu kommen - mit dieser Thematik haben sich seit jeher Anagramme befasst. Dass unser Alphabet dabei ein Universum an Möglichkeiten eröffnet, ist nicht nur eine Redewendung. Bildete man mit dessen 26 Buchstaben alle kombinatorischen Varianten und legte diese zu einer Kette aus Buchstabennudeln aneinander - ergäbe das eine Strecke von mehr als 200 Millionen Lichtjahren!1 Gerade weil damit über kurz oder lang das systematische Durchprobieren zum Scheitern verurteilt ist, bedarf es hierbei in besonderer Weise an Intuition, Augenmaß und Kreativität. So beschreibt Johannes Riemer bereits 1681 ein Verfahren, um Anagramme zu generieren - ein Würfelspiel mit Buchstaben:
Man lasse ein Kästlein / von 24. Fachen machen / in iedes Fach schneide man 5. Würffel / so auf allen Seiten / mit A. beschrieben / die sechs Würffel des andern Faches mit B. und so fort durch das gantze A.B.C. in allen Fachen. Kömmt nun ein Name vor / welcher ANAGRAMMTICE versetzet werden soll / so gehe der Liebhaber über sein ANAGRAMMATICUM, so heisse ich den Buchstaben-Kasten / und setze vorhabenden Namen aus demselben nach Art der Buchdrucker zusammen. Alsdenn so nehme er die Würffel des zusammengesetzten Namens / schütte dieselbe in der Hand über einander / und werffe solche / wie andere Glücks-Würfell / auf den Tisch: Oder setze Sie / wie sie das Glücke gebietet / wiederum unbesehen an einander: und siehe / man wird sich verwundern / was das Glück vor herrlichen INVENTIONES der Ubersetzung mit sich bringet: Und wie geschwinde auf solche Art zehn und zwantzig ANAGRAMMATA in einem Sitzen überaus lustig heraus zu bringen.2
Und doch sollte es noch bis ins 20. Jahrhundert dauern, bis man solcher Collagen in modernen Anagramm-Gedichten angesichtig wurde. Dafür brauchte es keinen Wandel der Technologie, sondern vor allem das Ablegen jener modischen Bescheidenheit, die barocke Autoren noch dem Minimalismus verpflichtete:
Andern Theils ist zu mercken / daß ANAGRAMMATA kurtz seyn / und nicht aus gantzen grossen und weitläuffigen Tituln / von zehn / zwöllf und mehr Zeilen / sondern aus dem blossen Namen gesucht werden müssen.3
Dieser Lust am Ausufern, am restlosen Ausschütten jener so mühsam gefüllten Schatzkammer, begegnet man besonders eindrucksvoll bei Jutta Over. Einer Wortakrobatin, der es in ihrem "Niedersachsenticket" gelingt, Anagramme im Umfang eines Zeitungsartikels miteinander zu kombinieren:

Over, Jutta: Niedersachsenticket, 2007. Quelle: jover.de

Und das bedeutet auf das Eingangszitat zurückbezogen: nicht nur sechs Augen, sondern sechs Dutzend. Ein Defilee des Sagbaren weit über das Vorstellbare hinaus ...

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1 Die unvorstellbare Anzahl ergibt sich aus der Kombinatorik: !26 = ca. 4 x 1026 Möglichkeiten
2,3 Johann Riemers Uber-Reicher Schatz-Meister [...]. Leipzig; Franckfurth: Lunitzius; Weissenfels: Weissenfelsischer Druck, 1681 - zitiert im Reprint der Originalausgabe bei de Gruyter 1979: Johannes Riemer. Werke. Band IV. Seite 156f

Samstag, 2. Februar 2008

Oritt Raff: Palindrome


Raff, Oritt: Palindrome
Videoschleife/Performance, 2001









Palindrome (film still), 2001, Courtesy des Künstlers und Julie Saul Gallery, © Orit Raff




Die Darstellerin in dem Video "Palindrome" stapelt zwanghaft Filzmatten, um sich im häuslichen Raum eines Iglus warm zu halten. Ihr vergebliches Bemühen mutet noch rätselhafter an, wenn man es mit dem Verhalten des Kojoten vergleicht, der in eingeblendeten Filmszenen gewandt durch sein eisiges Revier streift.

Derzeit zu sehen in der Ausstellung "True North"
2. Februar bis 13. April 2008
Deutsche Guggenheim
Unter den Linden 13/15
10117 Berlin

True North präsentiert Werke von sieben zeitgenössischen Künstlern, deren Foto- und Videokunst Bezug nimmt auf die Tradition der romantischen Landschaftsmalerei sowie auf deren Echo in der Pionierzeit der Fotografie. Im Gegensatz zu ihren romantischen Vorläufern beziehen die gezeigten Arbeiten kritische Positionen zu Geschichte und Politik und widersetzen sich dem Ideal eines unberührten, unwandelbaren Nordens. In vielen der melancholisch gestimmten Fotos und Videoprojektionen klingt der Verlust einer ursprünglichen Reinheit an. Sie beleben die angeblich unberührte Landschaft des Nordens mit menschlichen Akteuren, die die unerbittliche Natur der Region bewohnen, besiedeln oder auf andere Art zu erfahren suchen.

Sonntag, 23. Dezember 2007

Das längste Palindrom


Als längstes deutsches Palindrom in einem Wort gilt gemeinhin der Reliefpfeiler mit 13 Buchstaben. Um dabei als nativ, im Sprachgebrauch befindlich zu gelten, wird hierzulande der Duden als "Führungszeugnis" herangezogen. Kunst- bzw. Phantasiepalindrome bleiben auf diese Weise außen vor. Denn Kraft der Imagination ließen sich diese in unnatürliche Längen ziehen. Und das bedeutete wohl auch für die Sprache so etwas wie Wettbewerbsverzerrung ;) Das macht das finnische Wort Saippuakauppias (Seifenverkäufer) mit 15 Buchstaben zum vermeintlichen Rekordhalter. Bei näherer Betrachtung erweist sich jedoch die Ausschlussbedingung 'in einem Wort' im wahrsten Sinne als "Einfalls-Tor". Denn anders als der in voller Symmetrie entfaltete Reliefpfeiler schlummern im Duden noch etliche Spiegelfragmente wie Rasiermesser oder Klapphandys - entschärft und im Stand by:
15 Markgraf - arg Kram
15 Torbogen - Ego, Brot
16 Granulat - Tal unarg
16 Niesreiz - Zier sein
16 Eheleben - Nebelehe
17 Nebelboje - Jobleben
17 Adressant - nasser da
17 Negierung - nur eigen
17 Redeweise - sie weder
18 Eldorados - so da rodle
18 Regalbrett - Erblager
19 Geiselhaft - fahle Sieg
19 Markierung - nur Ei-Kram
19 Marktfahrer - Haftkram
19 Marktführer - Hüftkram
19 Eingeweide - die weg nie
19 Liebesnest - Sense, Beil
20 Gewebebank - Knabe, Beweg
21 Trägerrakete - Karre gärt
21 Einlagerung - nur egal nie
22 Spareinlage - egal nie Raps
23 Egalisierung - nur Ei, Silage
24 DNA, LSD, Name in - Niemandsland
25 Relativierung - nur Ei vitaler?
25 Rhinallergose - so grell an ihr
27 Traduzianismus - um Sinai zu Dart
27 Lateinamerika - Fakire, Manie, Tal
29 Kolossalstatue - neu tat's Lasso & Lok
31 Notaufnahmelager - egalem Hanf u.a. Ton
Allesamt funktionierende Palindrome. Mit einem "Vermummungsverbot" wäre hier nicht gedient: Palindrome lassen sich nicht auf Wortgrenzen festnageln. Wer einen solchen Offenbarungseid von ihnen verlangt, verkennt ihre wirkliche Natur. Sie sind und bleiben ein unablässiges Versteckspiel mit der Sprache. So gesehen sind die bekanntesten Palindrome eigentlich nur jene, die sich dabei am Dämlichsten anstellten ;) Ein Grund mehr, mit solcherlei Rekorden vorsichtig zu sein. Wo wir das Ende der Fahnenstange nicht kennen, sollten wir auch keine Flagge hissen: es könnte gut sein, dass sie nur auf Halbmast weht. Lassen Sie sich also nicht vorgaukeln, irgendjemand wüsste, wie weit man bei diesem Spiel zählen und gehen kann. Selbst bei 40000 ist da noch kein Ende in Sicht ...

Mittwoch, 19. Dezember 2007

Olaf Probst: Soll und Haben


Probst, Olaf: Soll und Haben.
Ein indexikalischer Zwischenbericht

Gutleut-Verlag 2007
Teil 1: Soll, 148 Seiten, ISBN 978-3-936826-52-4
Teil 2: Haben, 192 Seiten, ISBN 978-3-936826-53-1
2 Bücher im Schuber, ISBN 978-3-936826-51-7






Künstler: mcloop.net
Vertrieb: Gutleut-Verlag

„Grauwerte“, „Undrawings“, „Solarzeichnungen“, „Palindromschleifen“ – dies sind Namen von Werkgruppen des Künstlers Olaf Probst, die sich durch die jeweils angewandte künstlerische, meist zeichnerische Technik sowie konzeptuell voneinander unterscheiden. Die Materialien sind vorwiegend Schrift und Sprache, die der Künstler nach verschiedenen Prinzipien so lange übersetzt, bis sie fremd werden und sich der gewohnte Umgang verkehrt. Auf diese Weise ist ein eigener künstlerischer Kosmos entstanden, der zunächst unzugänglich erscheint – eine Annäherung gibt der nun vorliegende monografische Versuch, der das in den letzten 25 Jahre entstandene Werk aufarbeitet. Im Textband Soll beleuchten die Kunsthistoriker Johannes Meinhardt und Christine Taxer sowie der Lyriker Sascha Anderson das Werk aus verschiedenen Perspektiven. Der aufwendig ausgestattete Bildband Haben enthält durchgehend Abbildungen. Olaf Probst schreibt darin u.a.:
"Bekanntermaßen ist ein Palindrom ein Wort, das, in beide Richtungen gelesen, denselben Sinn ergibt. Seit 1999 entdecke ich solche Palindrome und bilde aus langen Wortketten bestimmte Formen. Manche Worte oder Buchstabenfolgen sind unechte Palindrome, also Pseudopalindrome oder "Auf-Teufel-komm-raus-Palindrome".
Die Liste enthält alle bislang verwendeten Palindrome.

Palindromschleifen:

abrakadabra
actuelleutcactuelleutca
allonenolla
deinsniemeinsnie
evereve
globalocalacolabolg
hohoh
ideeneedi
idiotoidi
infinifni
kokok
lapsuspalapsuspal
libidodibil
I0I0I
meinsniedeinsnie
monomnowon
nebeleben
nonon
nowonmonom
nunun
ohoho
okoko
onanieinano
o+o+o
popop
reverever
selfles
sexesseyes
seyessexes
solos
sosos
stetstets
visionoisiv
wowow
wowieiwasawerewannaworinirowomitimowohinihoworanarowobeiebowoherehowarum-
urawessenesseworüberebürow"

Dienstag, 18. Dezember 2007

ensemble-son-et-lumiére: oh cet echo!


ensemble-son-et-lumiére: oh cet echo!
audiovisuelle Performance, 2007


Web: son-et-lumiere.de
(mit Hör- und Sehproben)

ensemble-son-et-lumiére: Micheal Frangen (Trompete), Andreas Kappler (Perkussion), Andreas Henrich (visuelle Inszenierung)

"Das Palindrom "oh cet echo" ist sprachspielerischer Ausgangspunkt der musikalisch-visuellen Inszenierung, die den Klang, das Spiel und die Musik von Trompete und Percussion in Beziehung bringt zu sich in der Zeit entwickelnden, variierenden und verwandelnden Bildern und visuellen Eindrücken.
Die Tatsache, dass das Palindrom, das selbst schon wie eine kleine Sprachmusik klingt, vorwärts und rückwärts lesbar ist, verweist auf die sprachliche Bedeutungsebene, aber mehr noch auf die Wechselbeziehung von Musik und Bild bzw. Bild und Musik in diesem Vorhaben. Die Improvisation auf den Instrumenten erklingt als Widerhall der visuellen Ereignisse, des inszenierten Lichts; die bildlichen, durch das Licht hervorgebrachten Projektionen sind ein Echo des akustischen Geschehens. Dabei wollen sich die Eindrücke der beiden Sinneskanäle nicht lediglich doppeln, was sie letztlich auch nicht könnten, sondern in einen Dialog treten, der mehr ist, als die Summe seiner beiden künstlerischen Teile.
Die beiden Ebenen Musik und Bild oder Klang und Vision greifen aber auch mit ihren jeweils eigenen Mitteln das Echo-Thema auf durch spezifische musikalische beziehungsweise visuelle Formen und Strukturen. Die akustische Raumsituation, verschiedene Raumpositionen, Projektionen auf mehrere Ebenen bzw. gestaffelte Raumflächen der Architektur lassen das Echo-Thema auch in dieser Hinsicht hör- und sichtbar werden."

Sabine Richter: nebel-leben


Richter, Sabine: nebel-leben
Neoninstallation, 2000
Lorenzkirche Nürnberg







Web: richter-sabine.de


"Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden."
(Søren Kierkegaard)


Sabine Kammerl: Text-Räume


Kammerl, Sabine: Text-Räume
Installation, 2003
Eingangshalle Martin-Luther-Klinikum, Halle (Saale)





Web: sabine-kammerl.de

"Palindrome - vorwärts wie rückwärts lesbar - schließen sich in den Karées der Stahlbetonträger zu Buchstabenketten zusammen.

Im ersten Geviert reihen sich die Buchstaben zum Palindrom LEBENSNEBEL, im zweiten steht NEBENUNSNUNEBEN zu lesen. Im dritten Text-Raum trifft der Besucher auf die endlose Textzeile DIELIEBEISTSIEGER. Bei diesem Palindrom verändert sich die Bedeutung in umgekehrter Lesrichtung zu REGEISTSIEBEILEID.

Man könnte bei den Palindrom-Karées von einer statischen "Laufschrift" sprechen, die der Betrachter selbst "in Gang" setzt.

Die Text-Räume sind Teil der bestehenden Struktur und spielen sich nicht in den Vordergrund. Sie stehen zur Entdeckung und Entzifferung durch die Besucher, Patienten und Klinikumsmitarbeiter bereit."

Sonntag, 16. Dezember 2007

Ecke Bonk: aide moi o media


Bonk, Ecke: aide moi o media
Alu-Lichtkasten, Spiegel, 1997, 151 x 242 cm
Sammlung Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz (AT)









In einem Zeitraum von 1986-96 entstanden, war der Spiegel mit der palindromen Licht-Inschrift erstmalig 1997 auf der documenta X im Rahmen der Installation "The typosophic pavilion" zu sehen, einer Gemeinschaftsausstellung mit Richard Hamilton. 2006 richtete das Musée André Malraux in Le Havre (FR) mit der Ausstellung 'Continuum' einen speziellen Fokus auf palindrome Kunst, in der neben "aide moi o media" auch weitere Arbeiten von Ecke Bonk gezeigt wurden:
- no it is oppositon, 1997, Spiegel, 151 x 242 cm
- o grammar go, 1997, Spiegel, 151 x 242 cm
- in girum imus nocte et consumimur igni, 1987, 2 Glasplatten, 45 x 60 cm.

Über Ecke Bonk (* 1953 in Berlin):

Herbert Pfeiffer: Palindrome


Herbert Pfeiffer: Palindrome. 26 Textbilder
Schwarz-Weiß-Drucke, 1995, 30 x 30 cm
in weißer bedruckter Kassette, Auflage 100








Web & Vertrieb: herbertpfeiffer.de

André Thomkins: Palindrome auf Straßenschildern


Thomkins, André: Palindrome
emaillierte Straßenschilder, 1968, 25 x 70 cm
Il Giardino di Daniel Spoerri, Seggiano (IT)








Bildquelle: SocialDesignZine
Künstler: Thomkins.com
Ausstellung: Il Giardino di Daniel Spoerri

André Thomkins konzipierte diese Palindrome 1968 für die Außenwand von Daniel Spoerris Restaurant in Düsseldorf. Insgesamt sollen es etwa einhundert gewesen sein. Mehrere Dutzend davon sind heute im "Il Giardino di Daniel Spoerri", einem in der südlichen Toskana gelegenen Kunst- und Skulpturenpark, zu besichtigen (Rundgang Nr. 43):














Über André Thomkins (1930 - 1985):

Sonntag, 9. Dezember 2007

Zufallsfund

Bei den andauernden Ausgrabungsarbeiten im Wortsteinbruch stieß ich heute auf ein wunderschönes Palindrom. Einziger Wermutstropfen - es ist ein englisches:
deep sleep - peel speed
(Tiefschlaf - Geschwindigkeit des Abblätterns/Herausschälens)

Es gibt sie also doch, die bedeutungsvollen Palindrome ...

Manchmal ergeben sich auf diese Weise auch palindrome Joint-Ventures: man schaue sich nur einmal das deutsche Wort "doof" an. Im Englischen nimmt es jeder ohne Scheu in den Mund ;) Von diesen Sprachwandlern gibt es mehr als man denkt. Hier einige, die im Roman ein Zuhause fanden:

"animal sadness". Irre
zerrissen das Laminat

gar "Freedom of Arts"
Trafomode erfragt

No deism: hurt & lewdness.
~ßend Weltruhm sie don~

"Terra Nostra". Negieren
~ner Eigenart so narre

im Nu - "Fiat Nox!" - anregt
gern Axon-Taifun mi~

"La bella vita": Kolibri - die Seele.
Gelee sei dir bilokativ alle bald

Ragout - "o domado"
Tod "a modo tuo" gar

eines Anreizes sannen? Earth closed.
Gnade, solch tränennasse Zier! Nase nie

"Regnum Hominis"
~sin im Ohm ungern

"Urbi et Orbi"
Brot, Ei, Brut


Montag, 3. Dezember 2007

Alexander Moszkowski: Ein tausendjähriges Rätsel

+ S + A + T + O + R
+ A + R + E + P + O
+ T + E + N + E + T
+ O + P + E + R + A
+ R + O + T + A + S

So sieht das Rätsel aus, das nun schon durch die Jahrhunderte vielen Forschern, vornehmlich Philologen, arges Kopfzerbrechen verursacht hat. Als Inschrift an geweihten Orten hielt es die Betrachtung Unzähliger magisch gebannt, viel Scharfsinn hat sich an ihm gewetzt, allein bis heute ist es nicht gelungen, den Sinn der fünf Zeilen aufzudecken. Man erkannte nur immer wieder, daß es sich um ein höchst merkwürdiges Buchstabenspiel handelte, vielleicht um eine Beispiellosigkeit. Das drängt sich schon dem flüchtigen Blick auf. Man kann die fünf Worte von links nach rechts, von rechts nach links, von oben nach unten, von unten nach oben lesen, – immer ergibt sich dasselbe. Es ist also, um den gebräuchlichen Kunstausdruck anzuwenden, ein »Palindrom«, und zwar ein Palindrom in vierter Potenz.

In dieser Merkwürdigkeit liegt aber nur ein äußerliches Kennzeichen des berühmten Rätsels. Die tiefer schürfende Frage richtet sich auf etwas anderes: Was hat dieser kuriosen Anordnung zum Range einer oft wiederkehrenden Inschrift verholfen? Mit der bloß spielerischen Deutung kommt man da nicht aus. Eine Inschrift muß sinnvoll sprechen; und wenn sie in Rätselform eine Frage stellt, so muß wenigstens die Fragestellung verständlich werden. Hier sprach eine Sphinx anscheinend lateinisch; mit den einzelnen Worten konnte man zur Not fertig werden; aber nicht der leiseste Verstandeszusammenhang wollte sich ergeben, und unter allen Grüblern, die dieser Sphinx gegenüberstanden, ist bis heute ein Ödipus nicht hervorgetreten.

Man hätte an eine mönchische Laune glauben können, wären jene Worte nur irgendwo in einer Klosterecke oder handschriftlich in einem Brevier angetroffen worden. Aber weit über solch enge Begrenzung haben sie sich fortgepflanzt, mit einer Kraft und Dauer, wie sie nur einem sinnigen Zitat eignen können. Eine ganze Literatur hat sich um sie aufgebaut; sie nennt die Stätten, die sich jener Inschrift zur Behausung bieten: die Kirche der Augustinerinnen von Verona, die Mutterkirche von Magliano, verschiedene französische und englische Kirchen; auf dem Pflaster der Sakristei der Kirche Pieve Terzagni in Tremona ist die Inschrift um das Mosaikbild der vier Evangelisten eingelassen; aufgenommen wurde sie in der Peterskirche bei Capestrano; und über Europa hinaus hat sie sich nach Ägypten und Äthiopien fortgepflanzt. Und nicht nur in Kathedralen und Basiliken hat sie sich ansässig gemacht; man findet sie in einer Bibel der Karolingerzeit, auf einem Siegelstempel spanischer Kirchenbehörde, auf den Stempelmarken der österreichischen Schatzkammer von 1572, auf Medaillen, auf dem Boden eines der Insel Gotland entstammenden Silberbechers, vermutlich noch an vielen anderen Orten; immer begleitet von den stummen, ach so vernehmlichen Seufzern Tausender: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten!

Ich glaube nun, daß ich imstande bin, eine Lösung des Rätsels vorzulegen. Es mußte unüberwindlich bleiben, solange wir nur mit dem Lexikon bewaffnet es angreifen wollten. Bei erstmaliger mechanischer Zerlegung zerfällt die Inschrift in zwei Teile, deren längerer kaum mehr beansprucht als das Wissen eines Tertianers. Sator: der Sämann; Tenet: hält; Opera: die Werke; Rotas: Flexionsform von rota, das Rad; vielleicht von rotare: kreisförmig umherdrehen. Aber »Arepo«? Starr und glotzäugig blickt dieses Wort aus dem magischen Quadrat in die Welt; kein Wörterbuch kennt es in dieser Form; in ihm scheint das Geheimnis der Schrift beschlossen, die sich sonach geradezu den Titel des Arepo-Problems verdient hat. Nur eine verwandte Bildung bietet sich zur Nothilfe: Arepennis, ein gallisches Wort, aus dem das spätere »arpent« entstand, in der Bedeutung eines Ackers von der Größe eines halben Morgens. Immerhin, vom Sämann zum Acker bestand die Begriffsbrücke; betrat man sie, so konnte man sich allenfalls bis zur vierten Zeile durchhelfen. Aber mit dem Wort »Rotas« war nichts anzufangen. Es fiel mit seinem radförmigen Inhalt aus der landwirtschaftlichen Beziehung heraus, und man sah sich gezwungen, zu transzendenten Deutungen zu flüchten.

Alle Möglichkeiten wurden durchstöbert. Bei Cicero heißt es: fortunae rota, die Unbeständigkeit des Glücks; im Lukrez steht: solis major rota, die kreisförmige Sonnenscheibe. Das ergab Hinweise auf Welt und Schicksal, die so eine Inschrift sehr nötig brauchte, um einigermaßen mit dem Anspruch auf Bedeutung und Würde zu bestehen. Man besann sich auf die Rota Romana, als eines Gerichtshofes im ehemaligen Kirchenstaat. Allein die geheimnisvolle Inschrift reicht in der Zeit weiter zurück als das Bestehen dieses Tribunals, und zudem paßte die Rechtspflege in keiner Weise auf irgend einen erträglichen Sinn des Ganzen. Ein italienischer Gelehrter verlegte ganz mystisch die Rota, den Radbegriff, in die Inschrift selbst, die nach vier Seiten gelesen dasselbe ergibt, sich also umdreht wie ein Rad. Wie Wind und Rad soll demnach die Inschrift ein Sinnbild geben für das Unendliche, für die Ewigkeit, für die Anfangs- und Endlosigkeit Gottes. In dieser gehobenen Umschreibung liegt zugleich der Verzicht auf ein deutliches Erfassen der Worte. Und viel mehr war aus den Auskünften kenntnisreicher Philologen, denen ich das Problem vorlegte, auch nicht herauszubringen.

Trotzdem kam ich von der Vermutung nicht los, daß eine Übersetzung, wenigstens in Annäherung, möglich sein müsse. Gab es ein Mittel, den Radspuren der Rota noch nach anderer Richtung zu folgen? Führte eine Spur vielleicht auf den Boden der Inschrift selbst, auf Tempelgrund?

Das entspricht nun tatsächlich der geschichtlichen und baulichen Wirklichkeit. Auf dem Boden der Weltkirche, zu Sankt Peter in Rom, befand sich unweit des Eingangs die »Rota Porphyretica«, ein kreisrunder, dem Boden eingefügter Porphyrstein, ein uraltes Wahrzeichen, dem für das Zeremoniell die größte Bedeutung zukam. Auf ihm hatte der kaiserliche Kandidat vor der Krönung sein Glaubensbekenntnis abzulegen. Auf dieser Rota wurde zelebriert, auf ihr wurden weltgeschichtliche Verträge geschlossen. Der Platz im Mittelpunkt der Rota beanspruchte im Heiligtum noch eine besondere Weihestellung.

Ganz zwanglos darf man weiter schließen, wenn man das engere Symbol für den größeren Begriff setzt, wie man Thron oder Szepter für das Königtum, die Fahne für das Regiment anspricht: Als Teil für das Ganze gesetzt bedeutet Rota: die Kirche; eine rhetorische Figur, die im Rahmen eines Spruches, eines Zitates vollkommen verständlich erscheint.

Nun gewinnt der vermeintliche Unsinn jener Buchstabenspielerei allmählich ein sinniges Gesicht; und zur restlosen Übersetzung bedarf es nur noch einer unschwierigen Preisgabe grammatischen Zwanges. Nehmen wir Arepo als den mundartlich verschobenen Beugungsfall von Arepennis, Acker, Scholle, Hufe; nehmen wir ferner das Schluß-s von Rotas als einen Ersatz für den Genitiv (wofür ja Analogien vorliegen, z. B. in »pater familias«), und die Aufgabe ist gelöst. Ein klarer, mit Herkunft und Örtlichkeit schön harmonisierender Satz erwächst aus dem Palindrom. Er heißt zunächst wörtlich: Der Sämann auf dem Acker hält (erhält, bewahrt, betreut) die Werke der Kirche; anders ausgedrückt könnte er die Form des Spruches annehmen:
Der Sämann, der seinen Acker bestellt,
Betreut die Werke der Kirchenwelt.
Hierin wäre eine Interessengemeinschaft und Solidarität zwischen den Kreisen der irdischen und der himmlischen Werktätigkeit ausgedrückt. Und deutlicher oder zweckdienlicher braucht sich ja eine Inschrift an geweihtem Platz gar nicht auszudrücken.

Daß sie außerdem noch das Wunder leistet, in jeder gewählten Leserichtung den gleichen Klang und Sinn zu ergeben, verbürgt ihr den Rang des Unikums. Um dieses Einzigartige und Unwiederholbare zustande zu bringen, mußte sich eben der verschollene Verfasser der Inschrift an zwei Stellen zu einem mäßigen Zugeständnis an die Grammatik entschließen. Die rein formale Genauigkeit konnte nicht entscheiden und verbieten, wo es galt, aus der Unendlichkeit aller Wortfolgen einen so staunenswerten Sonderfall zu gewinnen. Wir besitzen zwei lateinische Sätze und einen griechischen Spruch, die umkehrbar sind, d. h. vor- und rückwärts gelesen das Gleiche ergeben. Aber das sind ja Kleinigkeiten gegen unser magisches Quadrat, das sich der identischen Lesung nach vier Seiten öffnet. Durch ein Jahrtausend hat es sich, selbst unter der Larve der Sinnlosigkeit, als ein Mirakel erhalten. Glückt es nun noch, die uralte Verschleierung zu beseitigen und in dem Gestammel eine verständliche Menschenrede zu erkennen, so tritt noch ein weiteres Wertmaß auf: das der Würde. Die von mir vorgeschlagene Lösung erhebt nicht den Anspruch auf Endgiltigkeit; sie zeigt indeß einen Weg, und selbst einem Bezweifler wird sie in ihrer vorläufigen Fassung lieber sein als der blanke Verzicht auf irgendwelche Erklärung.

Ich darf feststellen, daß mein Lösungsversuch die ganze uralte Arepo-Frage erneut ins Rollen gebracht hat. Ich geriet in ein langanhaltendes Kreuzfeuer von Zuschriften und Artikeln, die auf allen erdenklichen, logischen wie abenteuerlich verschlungenen Denkwegen diesem Problem beizukommen versuchten. Sehr interessant erschien mir die Mitteilung eines Arztes, daß jene rätselhafte Schrift auch in der medizinischen Fachwissenschaft eine Rolle gespielt hat. In den »Ägyptischen Geheimnissen für Mensch und Vieh« des gelehrten Magiers Albertus Magnus befindet sich die Anweisung, die Worte Sator Arepo usw. auf Streifen zu schreiben und den kranken Haustieren gegen Hexerei und Teufelswerk einzugeben. Auch gegen Brandgefahr sollen sie sich bewähren: man schreibe Sator Arepo usw. auf jede Seite eines Zinntellers, und werfe ihn in die Flammen, sogleich wird das Feuer geduldig verlöschen. Das hohe Alter der Spruchformel wird ja durch anderweitige Tatsachen genügend erwiesen; aus den Anweisungen des Doctor universalis Albertus Magnus ersieht man aber, daß sie sich bereits im dreizehnten Jahrhundert zu weitreichender Geltung durchgesetzt hatte.

Steckt vielleicht wirklich eine Gebetformel in dem Spruch? und wäre es möglich, sie offenkundig zu entwickeln?

Ein geistreicher Zeitgenosse, H. William, damals im Felde, hat auf Anregung des von mir frisch entrollten Problems den überaus kühnen Versuch gewagt, von den Einzelworten abzusehen, vielmehr nur die 25 Buchstaben des Quadrats nach der Methode des Rösselsprungs zu ordnen. Sein Ergebnis ist staunenswert: auf zwei verschiedenen, symmetrischen Rösselsprung-Zickzacklinien ermittelt er restlos: »Oro te pater, – oro te pater, – sanas!« »Ich bitte dich, Vater, Ich bitte dich, Vater, du heilst!« Kein Buchstabe bleibt übrig, und das Ganze erklingt als ein Stoßgebet in menschlicher Notlage.

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß diese scharfsinnige und höchst verblüffende Deutung für die Zukunft den Sieg erringen wird, als einer magischen Frage magische Beantwortung.

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Essay entnommen aus Moszkowski,
Alexander: Unglaublichkeiten. Ernste und heitere Paradoxe. Berlin: Eysler [ca. 1920], als Online-Text im Projekt Gutenberg

Über Alexander Moszkowski (1851 - 1934):

Sonntag, 18. November 2007

Hermann J. Roth: Molekulare Palindrome und Mesoformen


Roth, Hermann J.: Molekulare Palindrome und Mesoformen
Vortrag, Badische Landesbibliothek, 11. Dezember 2007









Fachgebiet: Biochemie
Kategorie: palindrome Molekülstrukturen

Im Zusammenhang mit der aktuellen Ausstellung "Molekulare Ästhetik - Grafiken und Objekte von Hermann J. Roth" lädt die Badische Landesbibliothek zum Vortrag ein:

Molekulare Palindrome und Mesoformen
Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann J. Roth, Karlsruhe
Dienstag, 11. Dezember 2007, 19.30 Uhr
Vortragssaal der Badischen Landesbibliothek
Erbprinzenstraße 15, 76133 Karlsruhe
- Eintritt frei -

Palindrome sind Worte, Sätze oder Verse, die von links nach rechts gelesen den gleichen Sinn ergeben wie von rechts nach links gelesen. Bei der Suche nach Palindromen auf molekularer Ebene wird man überraschend leicht fündig.

Hermann J. Roth: Germanin - ein molekulares Palindrom
Suramin ist ein farbloses Analogon des Azofarbstoffs Trypan Blau. Seit den 1920er Jahren wird Suramin als Wirkstoff gegen die Schlafkrankheit und andere Trypanosomen-Krankheiten eingesetzt. In Deutschland wurde der Wirkstoff unter dem Handelsnamen Germanin® vertrieben.


Kettenförmige und kompakte symmetrische Moleküle sind oft ohne besonderen Hintergrund palindromartig strukturiert. Häufig führt schon eine simple Molekülverdoppelung zu molekularen Palindromen.







Hermann J. Roth: Fagopyrin - Spiegelsymmetrie

In der Fruchtschale des Buchweizens (Fagopyrum esculentum) ist Fagopyrin enthalten, das einen Photosensibilisator darstellt und für den Fagopyrismus (Buchweizenkrankheit) verantwortlich ist. Der Fagopyrismus tritt bei hellem oder geschecktem Weidevieh nach Verzehr von Buchweizen auf. Bei Sonnenschein kommt es infolge einer Photosensibilisierung zu Hautentzündungen sowie zu Veränderungen des Hämoglobins.


Enthält das palindromartige Molekül im gleichen Abstand von seinem Mittelpunkt zwei spiegelbildliche Asymmetriezentren, so spricht man von einer Mesoform. Mesoformen der belebten Welt sind beispielsweise der Kopf eines Paarzehers mit einem linkswindigen und einem rechtswindigen Horn, der Mensch mit seiner linken und seiner rechten Hand - man könnte auch die Füße oder die Ohren nehmen - ein Käfer, der aus zwei spiegelbildlichen Hälften besteht oder ein Krokodil mit zwei spiegelbildlichen Paaren von Beinen und Füßen.





Hermann J. Roth: Mesoformen
- Weinsäure und Anaferin
Zersägen wir einen Hocker mit quadratischer oder rechteckiger Sitzfläche in zwei gleichgroße Stücke, so entstehen zwei identische achirale Hälften, die jeweils eine Symmetrieebene aufweisen. Zersägen wir dagegen einen symmetrischen Stuhl mit quadratischer oder rechteckiger Sitzfläche, so entstehen zwei spiegelbildliche chirale Hälften ohne Symmetrieebenen, die nicht zur Deckung gebracht werden können. Verbindungen, die eine interne Spiegelebene enthalten, welche sie gedanklich in zwei chirale Hälften teilt, nennt man in der Chemie Mesoformen.







Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann J. Roth ist emeritierter Professor für Pharmazeutisch-Medizinische Chemie, der an den Universitäten Würzburg, Braunschweig, Bonn, Tübingen und Puebla (Mexico) lehrte und forschte. Er war schon immer bestrebt, schwierige wissenschaftliche Materie bildhaft und künstlerisch darzustellen. Daraus entwickelte sich ein Dasein zwischen Wissenschaft und Kunst, das sich in seinen Grafiken und Objekten zum Thema "Molekulare Ästhetik" äußert.
Web: h-roth-kunst.com


Veröffentlichungen von Hermann J. Roth zu diesem Thema:
  • "Molekulare Wortspiele: Annagramme, Metagramme, Palindrome", Chemie unserer Zeit, 2005, 39, S. 182 - 187
  • "Molekulare Palindrome", Student und Praktikant, 2007, 4, S. 73 - 79 (Beilage der Deutschen Apotheker Zeitung), hier als pdf-Datei (1,07 MB)

Samstag, 17. November 2007

Henning Sieverts: Symmetry


Sieverts, Henning: Symmetry
Pirouet Records 2007
Audio-CD, 14 Titel, 57:11 Spielzeit
EAN 4-260041-180222





Web & Hörproben: henningsieverts.de
Vertrieb: Pirouet Records



"Palindrome sind symmetrische Zeichenketten, die vor- und rückwärts gelesen den gleichen Sinn ergeben (von griech. „palindromos“ = rückwärts laufend). Bekannt sind die Palindrome „Otto“, „Anna“ oder auch „Rentner“. Auch in der Musik gibt es Palindrome: ganze Werke oder einzelne Elemente: ein Akkord, eine Akkordfolge, eine Tonleiter, ein Rhythmus, ein Takt, eine Songform, etc. In allen Kompositionen von „henning sieverts – symmetry“ verstecken sich solche musikalischen Palindrome. Die Schönheit der Symmetrie erschließt sich beim Zuhören intuitiv, man braucht weder Rechenschieber noch Mathe-Diplom, um die Musik genießen zu können!"